Teneriffa - 14. Jänner 2020

Leben, reisen, beobachten und Tee trinken. Wenn die Träume nicht wären, die die selbstschützenden Hypothesen so grausam in Frage stellen. Man soll, so heißt’s auf Anerkennung verzichten lernen. Geht aber nicht, es widerspricht der Natur des Menschen. Jeder und Jede hier am Schiff erzählen von einstigen Heldentaten, oder wie sehr sie noch immer gebraucht werden. Wenn’s nicht stimmt, macht’s auch nichts. Der Wunschnach Anerkennung ist so stark, das Bedürfnis unabweisbar. Wir brauchen es wie Luft zum Atmen.

Heute begann‘s klassisch. Schlechtes Erwachen, Selbstvorwürfe wegen des übermäßigen Alkoholkonsums am Vorabend und ab in den Gym. Ein trauriges Schauspiel: alte, hässliche und böse dreinschauende Menschen, nur eine Frau mit aufgesteckten, längeren Haaren grüßt mich. Wir kennen einander vom Vortag: „Wenn ich abends Eis essen will, muss ich morgens auf den Crosstrainer“, sagt sie. Sie wechselt sich mit einer kurzhaarigen, grauen Russin ab, auf deren Muscleshirt Andorra in glitzernden Steinchen steht. Jeden Tag das gleiche Shirt, jeden Tag wechselt sie vom Crosstrainer auf das Handrad und dann auf die Bauchmuskelkraftmaschine. Hin und her. Spricht nie und löst in mir KGB Assoziationen aus. Selbst, dass ich die Kugel zur Händedesinfizierung mit Hilfe eines Offiziers wiederhergestellt habe, bringt mir keine Anerkennung. Auch nicht vom Schweizer, der das Fehlen der Desinfektion kritisiert hat. Komisch, dass der Wunsch nach Anerkennung nie versiegt, beim Lesen eines Buchs über 100 berühmte, aber teilweise vergessene Österreicher von Michael Horowitz steht auf fast jeder Seite, dass dem oder der Betreffenden die angemessene Anerkennung versagt blieb nach der sie strebten. Selbst so ein außerordentlicher Künstler wie Karl Kraus gierten danach und in 1700 Lesungen bekam er so viel Applaus von fanatischen Krausianern, dass, laut Horowitz, sogar Manes Sperber den Saal verließ. Kruas teilte den Applaus nicht: der Klavierbegleiter saß hinter einem Paravent und dichtete Stabreime, die erst nach dem 2. Weltkrieg erschienen. Kraus konnte den Applaus nicht genießen, er floh befriedigt, aber weiterhin voller Gier. Einigen der 100 wurden nach ihrem Tod auf einer Briefmarke verewigt wir zum Beispiel K. Kraus oder wie Karl Landsteiner, der Entdecker der Blutgruppen, dessen Konterfei auf die 1000 Schilling Note kam. Das half ihm nie und in Zeiten des Euro gibt’s ihn nur mehr bei Sammlern.

Wolken über dem Taide, Teneriffa
Wolken über dem Taide, Teneriffa
Wald auf der mittleren Höhe des Taide
Wald auf der mittleren Höhe des Taide
Blick nach Puerto Santa Cruz
Blick nach Puerto Santa Cruz
Vulkanische Stalagtiten
Vulkanische Stalagtiten
Der Teide
Der Teide
Vulkangestein am Teide
Vulkangestein am Teide

Wir fahren heute mit den Italienern auf den Teide. Man wählt das indem man die Sprache festlegt in der die Führung erfolgt. Wir ertragen die Italiener leichter, als andere Sprachgruppen. Sie regen sich auf, lachen dann Minuten später wieder und sind ein undisziplinierter Haufen. Irgendwie mehr Urlaub, als die dauerfototgraphierenden Deutschen und Schweizer und wir verstehen genug. Teide ist der höchsten Berg Spaniens, vom Meeresboden 6000 Meter, von Meeresspiegel fast 4000 Meter hoch. Er liegt auf Teneriffa. Wir fahren durch mehrere Vegetationszonen: zuerst ist es tropisch, dann ähnlich subtropischem Wald, später sieht man vor allem Ginster und Aaronsstäbe und zuletzt eine Wüste. Wir kommen bis 2380 Meter an die Talstation des Doppelmeyer Sessellifts zum Gipfel. Den dürfen wir nicht benützen, das geht sich nicht aus. Im Bus funktioniert das Mikrophon des Fremdenführers von Anfang an nicht, er spricht laut auf italienisch, ich höre Manches, verstehe selten und sehe viel. Doch leider: das Mikrophon wird repariert, beziehungsweise er benutzt das des Lenkers. Die Umstellung braucht Zeit, wir halten, das Busunternehmen will den Bus austauschen. Die Italiener wollen nicht aussteigen, weil sie annehmen, dass man ihnen ihre Plätze beim Wiedereinsteigen wegnehmen würde. Wie der Schelm denkt, so ist er, denkt ich mir. Wir nützen die Wartezeit und trinken einen Cortado, einen für die Kanaren typischen Kaffee: In drei Schichten wird der Kaffee angerichtet: Zuerst dickflüssige Kaffeesahne, dann Kaffeelikör und darüber ein kleiner Mokka. Ich liebe das, Marguerite noch mehr. Ich nütze jede Gelegenheit zur Anerkennung: eine Frau will in dem ersten Kaffee eine Flasche Wasser kaufen. Sie hat nur einen 50.-€ Schein. Der Wirt, der mir Cortado, ein Keks und eine Flasche Wasser verkauft hat, will das Geld nicht annehmen. Er hätte danach den ganzen Tag kein Kleingeld mehr. Ich lasse lässig einen Euro rüberwachsen. Auffällige Hilfeleistung – ich komme damit den ganzen Tag aus, wäre da nicht noch zusätzlich eine WhatsApp Nachricht von Michael, der mir zu meinem Krimi gratuliert. So lässt sich’s aushalten, auch weil mein Sohn Sämy meine Reisblogs liest.. Leider wird mir danach schlecht. Hunderte Kurven den Berg hinan, die Straße so schmal, dass zwei Busse kaum aneinander vorbeikommen, die Italiener werden ruhiger – Gefahr macht ruhig. 

Bei der offiziellen Pause gab’s schlechten Kaffee – nein. Wir nehmen eine Semmel mit Sobrasada und pfeifen auf den Massenkaffee. Mitreisende machen Fotos von Dingen, die ich nicht sehe und überqueren zu diesem Zweck halsbrecherisch die Straße. Vor uns im Bus ein Herr, der allein reist, telefoniert und schläft. Es ist das letzte Mal für fast 100 Tage, in denen das europäische Netz funktioniert. Wer weiß schon – apropos Anerkennung, dass das Ende des europäischen Roamings einem deutschen Abgeordneten zu verdanken ist, dem eine frisch verliebte Praktikantin ihr Roamingleid geklagt hat. Sie wandte ihre komplette Entschädigung für die Telefonate mit ihrem Geliebten auf. Der deutsche EU Abgeordnete  ging dem nach und schaffte es, dass klar wurde, dass diese Gebühren dem Prinzip der Freizügigkeit der Waren widerspricht. Wir alle genießen seinen Erfolg, wissen nicht mehr wer es war und danken es ihm nicht. Ich habe seinen Namen vergessen und da wir nun inmitten des Atlantiks sind, ist der Kontakt zum Internet über Satelliten so schwach, dass ich nicht nachschauen will. Sollte es einer meiner Leser machen, bitte auf meiner Webpage eintragen!

Die Abfahrt vom Taide ist besser, als die Auffahrt. Wir schlafen beide ein, viele von uns schlafen. Der Fremdenführer hat aufgehört zu erzählen und Informationen zu geben, die wir nicht brauchen.

Noch schnell zu Fuß nach Santa Cruz hinein – Besorgungen, Sinnlosigkeiten. 4000 Höhenmeter an einem Tag, an dem man von einem schwankenden Schiff gekommen ist – wir torkeln durch die Altstadt. Kaufen Decken, Ohrentropfen, Cremen und Sonnenschutzmittel, trinken Kaffee, essen Tortilla und einen letzten Flan, wie die Karamellpuddingtorte in Spanien heißt.

Dann die Erfrischung wie aus der Lottowerbung: Sprudeln im Whirlpool während der Abfahrt. Der etwas sauertöpfische Kapitän der Deilziosa lässt bei Abfahrten nicht das Lied von Andrea Boccelli spielen, das wir gewohnt waren. Schade.

Dann ruhen, Marguerite arbeitet, ich lese in dem Buch noch zwei berühmte Österreicher. Wir gehen zur klassischen Musik, Marguerite meldet sich für den Schiffschor an, wir treffen Andrej. Er war vor drei Jahren mit uns auf Kreuzfahrt: seine Frau war kurz nach einer Brustkrebsoperation, die zweite Hälfte der Kreuzfahrt war sie krank. Zu Hause angekommen  erkrankte sich an anderen, zweiten Tumor, der eine Bestrahlung am Kopf notwendig machte. Sie wollte nicht mit und Andrej fragt wann wir nach Polen kommen. Er würde uns gern seine Heimat zeigen. In Gespräch vor drei Jahren habe ich die Behauptung meiner Großeltern, dass jeder Pole Antisemit ist, mit ihm geteilt. Er hat das vehement abgestritten. Jeder Pole hat Juden während der deutschen Besatzung geholfen. Er vertritt die offizielle Meinung der PIS Partei, die er vielleicht, wie die meisten Polen, wählt. Marguerite ist klüger: sie zeigt unser Familienbild und Andrej zeigt uns die Seinen am Handy. Wir gehen in Frieden auseinander. Für eine tiefergehende Bekanntschaft ist sowohl unser gegenseitiges Sprachverständnis zu gering, als wir auch zu wenig Überschneidungen haben. Andrej wurde mit Zolldeklarationen wohlhabend, bevor sein Land EU Mitglied wurde.

Der Tag ist noch nicht zu Ende. Abendessen mit den Schweizern, wir lernen Peter aus Bern und seine münchner Frau kennen. Peter ist ein Berner, wie aus einem Buch. Ein großer, schwerer Mann und seine Frau trägt ein tief dekoltiertes Abendkleid, das ihren runzligen Ausschnitt gut zeigt. 

Um ½ 11 ein Fest unter dem Titel: Auf Wiedersehen Europa. Schnelle Rhythmen, die vortanzenden Animateure können es gut, die anderen hatschen mit. Ich sehe mich im Video uns stelle fest: ich kann’s wirklich nicht. Sogar Ennio kommt außer Atem, die Tänze sind für Zwanzigjährige schon schnell, für mich ist der Rhythmus unnachvollziehbar und es bleibt statt dem intendierten Frohsinn, Depression. Da machen Elmar Wepper und seine Nonnenserie aus Bayern in der Kabine im TV Freude. Wepper schaut noch immer Michael Douglas ähnlich, nur ist dieser nach Kehlkopftumor dünn geworden und Elmar Wepper bayrisch dick. Zufrieden schlafen wir ineinander gekuschelt ein, ich träume mich wieder als stationsführender Arzt und will eine gemeinsame Jause organisieren. Mein ehemaliger Oberarzt Kaschnitz und ich weinen in meinem Traum miteinander und bereuen alles, was wir einander angetan haben. Meine Hypothese, dass ich die Klinik nicht vermisse, schmilzt im Morgengrauen, ich begrüße Aurora am Deck, gehe Runden und dann in den um sieben Uhr schon überfüllten Fitnessraum, wo Marguerite radelt. Mir ist’s zu voll, es stinkt, ich mache lieber meinen Blog, esse im Zimmer Frosties und trinke guten Tee. Aber das ist schon die Geschichte des 15.01. und die sollte eigentlich erst heute Abend entstehen.
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