Shabbat in Kyoto

 

Die Fahrt war sehr aufregend. Im letzten Moment sind wir aus dem Ryokan in Hakone gegangen, ich musste meinen Pass suchen, den allerdings Noah eingesteckt hatte. Nach einem sehr gemütlichen Morgen plötzlich Abfahrstress. Noah wollte den Zug um 11:27 erreichen und ich packte im Halbdunkel des Vorzimmers, stand gegens Licht, die kupferne Abwasch war meine Ablage, obwohl dort ein nasser Fleck in der Mitte glänzte. Nichts passte in Koffer und Rucksack. Er ging zur Rezeption zahlen und ich suchte verzweifelt. Er kam, um mich zu holen, dann gings zur Bahnstation bergan, allerdings trugen uns die freundlichen Japanerinnen unsere kleinen Koffer bis zur Grundgrenze des Hotels und wir verabschiedeten uns sicher zu schnell und zu unhöflich. Zu wenig Verbeugungen. Sie winkten uns nach und wir drehten uns nur einmal um. „Schnell, schnell!“ sagte Noah: „Wir müssen übers Gleis bevor der Zug kommt.“ Ich war froh, dass der Schranken offen war und erwartete den Zug. Der war allerdings schon im Bahnhof. Die Haltezeiten sind in Japan selten länger als eine Minute.
Da verschwand Noah. Ich sah – aus dem hellen Licht des jungen Tages kommend und mit sich verdunkelnden Brillengläsern – nichts und erwartete den Zug. Er hatte aber den Zug erreicht und musste wieder aussteigen, weil man abfahren musste. Die Taktung der Züge muss ganz genau sein, sonst gehen sich die Begegnungen an den Drehpunkten nicht aus. Fein, er hat mich nicht zurückgelassen. Ich fand ihn am Perron. Er saß er fast weinend vor den Toiletten, die warme Jacke und sein Gepäck neben sich. Wir hätten eine Stunde Kyoto verloren und müssten eine Stunde am Bahnhof Hakone warten. An sich wollte er mir Vorwürfe machen, dann beschuldigte er sich selbst, weil er weggelaufen war und angenommen hatte, dass ich wüsste, dass wir schnell zum Zug müssten. Hin- und hergerissen zwischen Vorwürfen und Selbstbeschuldigungen – ich kam mir nur alt und versagend vor, er sich als dummer Junge, der den Alten nicht berücksichtigt hat. An sich kam mit eine Stunde Versäumnis das bei einer vierzehntägigen Reise nicht so schlimm vor, sicher, ich hatte versagt, den Zug nicht gesehen, angenommen, dass er erst einfahren würde; er hatte angenommen, dass ich wüsste, dass er versuchen würde den Zug anzuhalten, was ihm auch eine knappe Minute gelang, gegen den Wunsch des Zugführers pünktlich abzufahren, was bei dem Bergzug nach Gora so wichtig ist, weil der entgegenkommende Zug dieselben Kehrungen machen muss und der talwärtige Zug bei Verspätung den berganfahrenden behindert. Die beiden Lokführer müssen noch genauer sein als es sonst in Japan üblich ist. Als wir dann im Zug saßen, der doch nur 17 Minuten später fuhr, sahen wir die nötigen und unnötigen Handlungen des Lokführers. Er sperrte auf einer Strecke von etwa 10 Stationen den Zug viermal ab, kontrollierte die Uhr des Zugs und vergleicht die Zeit mit der auf seiner Armbanduhr, öffnete das Fenster, um mittels Handzeichen mit seinen Kollegen zu kommunizieren, schließt es wieder, holt beim anderen Fenster frische Luft, schließt es wieder, überprüfte die Geschwindigkeit am Tachometer, adjustiert die Gangschaltung, vergewissert sich, dass der richtige Gang laut Instrument eingelegt ist, legt die Kappe während der Fahrt ab, wischt deren Innenseite, legt die Kappe wieder an, richtet den Kragen der Uniform und wiederholt das bei jeder Station und dazwischen. Hätte er auf mich gewartet, alles wäre chaotisch geworden.
Intensive Recherchen auf Google-Maps zeigen, dass es einen Zug in einer halben Stunde nach Kyoto gibt. Es droht FOMO – fear of missed opportunities. Kyoto hat so viel zu bieten und die Informanten Noahs haben ihm Tipps gegeben. Als wir in Kyoto ankamen, wollte er das Gepäck ins Hotel liefern lassen und zu Fuß gehen. Leider, die Annahme im Bahnhof schloss um 14 Uhr und als wir ankamen war es 14:12!  Quelle Malheur. Er wollte nämlich zu Fuß durch die Stadt gehen. Glücklicherweise, wegen des durch mich verursachten Verspätung, konnten wir das nicht. Eine staubige, zwanzigminütige Taxifahrt durch eine müde Stadt und große Straßen später trafen wir im Hotel am Stadtrand ein. Wir hätten zu Fuß mindestens zwei Stunden gebraucht und es wären nicht unsere besten gewesen. Nach dem Waldspaziergang entlang des Ashtisees am Vortag wären die grauen Hauptstraßen Kyotos enttäuschend gewesen.
Zum Check-in bekamen wir das warme Tüchlein zum Händereinigen (Wie man es sonst aus dem Flugzeug kennt und es falsch benutzt, wenn man sich auch das Gesicht abwischt. Man darf sich damit nur die Hände reinigen und soll es dann mit der unbenutzten Seite gefaltet in das Schälchen legen in dem man es angeboten bekam.), ein Schälchen japanischen Tees und eine junge Frau nahm unsere Daten auf. Sie war mittels Funk mit ihrem Chef, der zirka zwei Meter entfernt, hinter uns am Computer saß verbunden. Sie lernte offensichtlich und er mischte sich oft ein. An den Ecken des Raums standen eine runde und eine ovale Vasen und ein rechteckiges Beet in dem Ikebana arrangiert war – japanisch, künstlerische Blumengestecken in den anmutigsten Farben und Widersprüchen zwischen Farben und Formen, passend zu dem Motto des Hotels – dem Glücksdrachen, weil es ein ehemaliges bhuddistisches Kloster gewesen war. Blühzustand und Art der Pflanze (Blume, Busch und trockenes Holz) waren in Form und Farben aufeinander abgestimmt. Wir wurden interviewt, unsere Fragen beantwortet und ins Zimmer geführt. Ein herrliches Zimmer mit Blick auf drei Tempeln, ein Glücksdrache in den Kies des Hotelsteingartens geharkt, das Zimmer modern in braun-beigen Farben gehalten.
Keine Besichtigung Kyotos. Pünktlich, überpünktlich trafen wir im Haus praktisch gegenüber beim Rabbiner Kyotos ein: Moti ein Chabadbocher, wie er sich nennt, freundlich und zuvorkommend. Da wir zu früh waren, lernten wir seine Kinder kennen, drei Mädeln, eine holländische Helferin und seine Frau in einem großen Haushalt. Als Tribut an Japan hatten sie Patschen fürs Haus und andere fürs Klo. Mit Moti beteten wir das Nachmittagsgebet, warteten aufs Kerzenzünden, eröffneten gemeinsam wir den Shabbat. Mehr Menschen kamen, je näher das Essen rückte, zum Schluss hatten wir Minjan. Bei Tisch waren wir zirka 30 Personen, liebevoll-streng von Motis Frau überwacht und von Moti und seinen Kindern moderiert. Moti wollte, dass jede und jeder sich vorstellt, jeder sollte seinen Anteil am Shabbat haben. Da gabs eine Familie aus Paris, die seit mehr als einem halben Jahr reiste: die Mama mit schickem Hut, der Vater unrasiert und erzählte, dass seine Frau ihn vorm Burn-out gerettet hatte. Der älteste Sohn, ein aufgeschossener fünfzehnjähriger sagte, dass seine Heimat AirBbnB heiße. Der Kleinste schlief beim Gebet ein und die jugendliche Tochter schämte sich vor allem und wurde oft rot. Bei der Vorstellung wollte der Vater, dass sie etwas sagte. Pustekuchen. Es gab ein Paar auf Hochzeitsreise. Sie hatten sich aus Los Angeles und Sydney kommend in Israel kennengelernt: er war laut und sagte, dass er gut hebräisch spreche. Außer ihm glaubte das niemand und seine Frau sagte auf meine Bemerkung über ihn, dass sie seine Lautstärke gut fände. So könne sie still sein. Eine Kunststudentin aus USA war in Kyoto, um japanische Töpferkunst zu lernen. Sie kam mit ihrer Freundin, die sie besuchte. Ob die beiden ein Paar waren, wurde zwischen mir und Noah eifrig besprochen. Eine Israelin auf Reisen stellte sich vor – sie hatte beim Vorbereiten des Essens geholfen, wollte nach dem Essen rauchen.  Das ist aber sowohl am Schabbat verboten wie es in Japan verboten ist auf der Straße zu rauchen. Also kein Rauchen. Eine Gruppe von sechs Ärzten beiderlei Geschlechts, die sich vom Studium kannten und nun alle Fachärzte waren, kamen aus Paris. Sie waren sehr lustig und erzählten, dass sie am nächsten Tag Besuchsprogramme eingeplant hatten. Der Rebbe war völlig liberal. Er freute sich, dass Menschen an den Shabbat gedacht hatten, zu ihm am Freitagabend kamen und machte ihnen keine Vorschriften wie sie den Shabbat zu halten hätten. Ein großer, krank wirkender Mann von etwa 60 Jahren war vor 20 Jahren in Kyoto hängengeblieben. Er war von der japanischen Höflichkeit angewidert. Sie würde nur den Abstand zwischen den Menschen bestimmen und ihn einsam machen. Er wäre jetzt Fremdenführer geworden, um ein wenig menschlichen Kontakt zu haben. Er rauchte im Hinterhof des Chabbadhauses. So gut es für den Text wäre, wüsste ich alle Namen, leider, ich habe keine Ahnung. Nicht einmal den der Kinder, noch weniger die der eben beschriebenen Teilnehmer des Abendessens. Ich merke mir Namen nicht mehr. Sogar Julie Andrews Namen, die geliebte Darstellerin der Frau von Trapp, die ich hunderte Male gesehen habe und deren Name mir geläufig war, den ich gestern wieder nachgesehen habe, erinnere ich manche Tage nicht.
Der Rebbe gibt mir die Ehre das Dankesgebet einzuleiten. Ich stocke und Moti versucht mich zu unterstützen, was mich noch stockender macht und betroffen, weil ich es noch immer nicht kann.
Nach dem Nachmittagsschlaf im Hotel kam Unruhe auf: Noah – wir müssen etwas unternehmen. Gerne, warum nicht. Schlafen können wir allemal. Also ins Taxi, in eine vom Hotel empfohlene Bar. Wir bekommen den letzten Platz vor der sich immer wieder öffnenden Tür. Kalt kommt’s herein. Es gibt Spieße am Holzkohlengrill (Der Tag bot bereits ausführliches japanisches Frühstück, Benton-Box gabs im Zug und Shabbesdinner beim Rebben.) und Getränke aller Art. Als wir um 01:30 das Lokal verließen, kam gerade eine sechsköpfige Gruppe an, obwohl das Lokal angeblich um null Uhr Sperrstunde hatte. Eine Frau hatte einen Ananas-Longdrink und fischte die Früchte am Boden des Glases mit einem langen Löffel, der wie ein kleiner Schöpflöffel aussah, heraus. Dabei lachte sie unentwegen. Unser alleinstehender Nachbar las die Zeitung und aß zuerst Spieße, dann Tempura, dann Suppe und trank dazu zwei Bier. Zuletzt bekam er ein in einem tiefen Unterteller stehendes , absichtlich übergegangenes Glas Sake. Kunstvoll spitzte er die Lippen, um den ersten Schluck zu trinken, ohne zu verschütten. Aus Interesse bestellten wir dasselbe. Noah wollte den ersten Schluck machen, aber der alte Zuträger in dem Noah den Eigentümer vermutete, hielt ihn davon ab es zu versuchen und sagte nur, auf mich zeigend: „Papa, Papa.“ Die Kellnerin streifte jedes Mal, wenn sie vorüber ging an uns anstreifen. Wir genossen es. Sie behandelte uns liebevoll-mütterlich. Ein gelungener Abend.
Am Morgen waren wir wie am vergangenen Abend die Ersten beim Rebben. Er bot uns Kaffee an, wir konnten mit ihm die Frage aus der Parasha besprechen, warum G’tt das Herz des Pharao gegenüber Moses verhärtet hat? Hatte Er das nötig? Der Rebbe sagte, dass man nicht nur die Juden aus dem Exil retten musste, sondern auch das Exil aus ihren Köpfen kriegen musste. Dazu mussten auch sie die Herrlichkeit G’ttes erkenne. Überdies hätte sich der Pharao mit seinem freien Willen, jedenfalls bei den ersten fünf Plagen, anders entscheiden können. Er musste Moses Begehren das Volk Israel ziehen zu lassen nicht zurückweisen. Pharao hat sich gegen G’tt entschieden. Ich lernte viel über die Bedeutung des freien Willens in der Bibel. Leider hatten wir erst 10 Männer als das Essen begann, sodass viele Gebete ausfielen. Awraham, der fünfzehnjährige Sohn der reisenden französischen Familie, sang die ihm zugeteilte Thorastelle fehlerlos und berührend. Leider litt die französische Familie an Husten und der mutige Noah bot vor allem für den sehr blass aussehenden achtjährigen Sohn eine antibiotische Behandlung an. Er wurde zurückgewiesen. Schade. Der Nachmittagsschlaf am Shabbat musste sein, es regnete zum ersten Mal auf unserer Reise, wie bestellt. Kyoto musste wartete.
Abends fuhren wir in das andere Viertel in der Altstadt. Ein Esslokal neben dem anderen, Bars, Clubs, alles auf engstem Raum in traditionell einstöckigen Häusern. Wir suchten das uns vom Hotelmanager empfohlene Lokal und bekam dort noch einen Platz. Dort gabs typische japanische Eierspeise, die man am Tisch selbst kocht. Köstlich. Da war es wert gewesen, sich vorher anzustellen. Ich bin unsicher, ob ich den weiteren Verlauf in einer Bar im 2. Stock und in einem anderen Lokal mit Holzkohlengrill noch ausführen soll. Wir aßen und tranken zu viel, welche Freude.

 

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