Die Besichtigung Tokios an einem Tag

Ungeführte Reisen in unbekannte Länder sind vor Überraschungen nicht gefeit. Im Reiseführer steht, dass man das Tokio Nationalmuseum unbedingt sehen muss. Weiters steht, dass es an Tagen nach Feiertagen geschlossen bleibt. Im Internet ist zu lesen, dass es am 09.01.2024, obwohl wir das Gefühl hatten, dass der 08. Ein Feiertag gewesen sein könnte, weil nicht alle Geschäfte in Ginza offen hatten und sehr viele Menschen abends unterwegs waren. Wir fahren also – unter Noahs sachkundiger Führung, der den U-Bahnplan Tokios fast auswendig kann – zu dem Park, in dem das Museum steht. An der Information am Zielbahnhof, erfahren wir, dass das Museum geschlossen ist. Nach jedem Feiertag. Der Vortag war einer gewesen. Es wird uns geraten das Museum für moderne Kunst aufzusuchen, das laut Internet eine Sammlung verschiedener europäischen Künstlern enthält.

Aber der Tag ist sonnig, frühlingshaft. Ich will nicht entlang der U-Bahn Überführung von Geschäft zu Geschäft wanken. Ich kann nichts kaufen, weil mein Gepäck voll ist. Also auf in den Park. Welch eine Pracht – breite Alleen, im Jänner bereits sprießende Büsche, es ist frühlingshaft warm, überall einheimisch-spazierende. Ein Universalkünstler spielt auf einer Säge die Violine zu einem Vivaldistück. In der Pause setzt der Künstler seinen Hut ab, dann spricht er mit einer Passantin, hienach streckt und reckt sich nach Art des Tai-Chi, macht einen Handstand, bevor er wieder den Hut aufsetzt, das Mikro in die Halterung steckt ernsthaft auf der großen Handsäge das nächste Stück spielt.
In einem Teil des Gartens wird um 2.000 Y/Person eine Pfingstrosenausstellung angeboten. Ein bekiester Weg führt entlang gepflegter Rabatten, wo unter Strohhauben 42 verschiedene Pfingstrosen gezüchtet wurden. Vor allem ältere Menschen gehen neben und mit uns. Viele Fotos werden geschossen, mit Spiegelreflexkameras ebenso, wie mit Handys. Zwischen den Rosen blühen Märzenbecher in kleinen Büscherln, wie wenn der Frühling schon begonnen hätte. Die Menschen gehen teilweise nur mit Hemden oder mit T-Shirts bekleidet, ein Schotte kommt uns in kurzer Hose entgegen und wir schämen uns für seine roten Knie, seine behaarten, weißen Beine, seinen Nationalstolz und die Nicht-Anpassung.
Der Tag ist noch nicht zu Ende: wir sitzen in einem Kaffeehaus im Freien und schauen einem japanischen Ballett zu: die Möbel und Strukturen eines Austernfestival, das gestern im Park stattgefunden haben muss, wird von etwa 30 Arbeitern und zwei Arbeiterinnen abgebaut. In einer Stunde haben sie Holzbänke, Plattformen und zuletzt die blaue Plastikfolie, die als Abdeckung des gesamten Platzes diente in vorbereitete Behälter akkurat verstaut. Sechs LKWs kommen wie eine „Kavallerie“. Sie werden so schnell beladen, dass ich es versäume. Fürs Kleinzeug kommen noch Lieferwägen, die auch die Menschen mitnehmen. Dann ist der Platz gereinigt, leer, ein älterer Herr macht ihn besenrein, ein junger Mann steht bei den auf einem Haufen zusammengelegten Folien – man wird auch ihn bald holen.
Von einem Bezirk zum anderen führt mich mein Jüngster: Elektronik-town mit unendlich viel Technik, die ich nicht verstehe und nicht brauche. Ich sehe am Boden ausgebreiteten Elektronikschrott – Dinge, die noch vor Kurzem attraktiv waren und heute Flohmarktware sind, werden angeboten: Kameras, Tonbandgeräte und vieles anderes, das ich nicht kenne.
Auf es geht weiter: in die U-Bahn Richtung zum Hotel. In der U-Bahn sind die Sitze geheizt, ich schlafe ein, Noah passt auf mich auf.
In der Nähe unseres Hotels gibt es eines der vielen Ess- und Vergnügungsviertel. Jetzt, wo es Abend geworden ist, sind die Straßen mit fröhlichen Menschen voll. Touristen haben’s da schwer: abgekämpft von den Mühen des Tages und der nächtlichen Schlaflosigkeit, suchen wir Abendessen. Wir gehen in zwanzig Lokale hinein, stehen vor weiteren vierzig herum und lesen die Speisekarten. Ich kann’s nicht leiden. Es gibt Gyozas oder Kobe Beef: Gyozas sind Teigtaschen, die zwar unendlich kunstvoll sind, aber es ist wie mit der Wurst: man weiß nicht was drinn ist. Ich mag’s nicht. Kobe Beef wird überall angeboten: da Japan kaum Weideflächen hat, ist es teuer und fett. Weil die Rinder den Stall nie verlassen. Es soll auch so sein: schon ein wenig Sonne wird bei Mensch und Tier als schädlich angesehen. Überall gibt’s kleine Essstuben die Ramen anbieten, aber die Suppe aus Schweineabfällen hat Noah so drastisch geschildert, das wir diese Lokale die billig den Hunger stillen würden, meiden. Inzwischen sind wir bald nur noch müde und nicht mehr hungrig. Aber ins Hotel um 20 Uhr zu gehen und dann bis morgens zu fasten ist keine Option. Überdies ist man dann ab 03 Uhr wach – was macht man da?
In den Fenstern der Restaurants sind Plastikmodelle ihrer Speisen. Sie locken uns nicht. Dazwischen sehen wir Angebote für Massagen im 4. oder 5. Stock der Häuser. Einmal gehen wir die steilen Stufen hinaus. Auf einem Whiteboard hat die Dame Übersetzungen  vorbereitet: den nächsten freien Termin und die Frage, ob wir den wahrnehmen wollen. Es wäre in einer Stunde und  nein, wir wollen nicht, es riecht nach altem Öl und Putzmittel.
Dann entdecken wir ein Lokal: es hat fünf Tische an denen sieben Gästen sitzen. Wir nehmen den letzten Tisch ein. Es ist witzig wie Noah sich hineinschält. Alle sind meine Größe, dafür ist der Raum genügend, aber für über 190cm Körpergröße geht nichts. Noah schlüpft hinein. Am Nebentisch sehen wir, wie richtig gegessen wird. Jeder Bissen wird aus dem gemeinsamen Topf oder Teller mit dem vorbereiteten Löffel oder Stäbchen auf das eigene Schälchen gegeben und dann von dort mit den eigenen Stäbchen in den Mund genommen. Die Wirtin sieht, dass wir beide aus der Schüssel essen und – da sie und nicht zu erziehen hat – bekommen wir nicht, so wie die anderen, bei jeder Speise neue Stäbchen und neue Schüsselchen. Überdies bestellen wir so viel, wie alle anderen Gäste des Lokals. Die zwei Frauen und ein Mann am Nebentisch nehmen insgesamt so vie, wie wir zur Vorspeise, am anderen Tisch an dem vier Personen sitzen, isst eine junge Frau zweimal Buchweizennudeln aus der Suppe und auch noch ein kleines Stück Fisch, während die andere Frau ununterbrochen raucht, ja raucht – auch das ist in dem Lokal erlaubt.
Wir bekommen den letzten Tisch und essen mehrgängig: Suppe mit Nudeln, Wasserspinat, Rindfleisch mit Knoblauch, zweimal Reis und Pak-Choi. Reichlich. Die einheimischen Gäste bestellten für vier Personen zwei Suppen, die drei anderen Nachbarn zwei Vorspeisen und einen Hauptgang ohne Reis und lassen viel übrig. Während sie essen halten sie sich die Hand vor den Mund, reden nur, wenn sie abgeschluckt haben,  sie lachen viel und essen wenig. Langsam verstehen wir warum überall Esslokale sind: die Menschen essen häufig kleine Mengen. Dazwischen bewegen sie sich schnell.
Was habe ich ab heute anders machen will: ich muss mich vor dem Abendessen umziehen, wie sonst und wie es früher war, wo man ein Dinnerjacket angelegt hat. Hinlegen wäre fein – frisch machen hat man das genannt. Sicher, das Jetlag verhindert vieles und der Jungspund will erleben und nicht rasten. Der Abschluss des Tages gibt mir Recht. Noah will in der Bar des Hotels noch einen Drink nehmen und ich komme mir neben den ausgeruhten, sauber gekleideten Businessmännern schmutzig vor. Ich gehe ins Zimmer, in die Badewanne und schlafe viel zu früh um 22:40 ein – um 01:25 bin ich hellwach. Zwei Stunden lese ich österreichische Zeitungen. Zeitverschwendung: wozu muss ich wissen, dass der Finanzminister in Vorarlberg um 50 km/h zu schnell gefahren ist und seinen Führerschein für vier Wochen eingebüßt hat. Das mussten Sie auch nicht wissen. Als ich mich aber aufraffe und meinen Bericht schreibe, werde ich fröhlich. Um 04:45 schlafe ich zufrieden wieder ein. Dem Jetlag ich habe mit dem Schreiben die Krallen gezogen.
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