Kagoshima - der langweiligste Tag 


Kagoshima ist die südlichste Stadt Japans auf einer der vier miteinander verbundenen Inseln. Es ist die Endstation des Shinkansen, ab da geht’s nur mehr ins Wasser oder mit dem Flugzeug nach Okinawa und den Nebeninseln.

Es ist eine Provinzstadt, nicht einmal die Hauptstadt der großen Insel. Allerdings ist es doch nicht so provinziell, wie die Rezeptionistin Jane beim Einchecken gemeint hat. Sie dachte, dass alle Lokale um 22 Uhr sperren und wir fanden eines, das uns bis 01:30 mit Essen, guter Laune und viel Alkohol verwöhnte. Die beiden Betreiber sind lustige Leute, die sogar mit uns tranken. Dann schliefen wir allerdings – vor allem die Jugend – bis 11 Uhr, sodass viele Aktivitäten bereits wegfielen.
Wir gingen zum Hafen und Noah schaffte es tatsächlich für mich Metformin für meinen Altersdiabetes zu kaufen. In der ersten Apotheke wurden wir von zwei Apothekerinnen wegen eines Rezepts zum Arzt geschickt, in der zweiten war Noah schon so gescheit mittels Google Translator sowohl den Freinamen als auch seinen Status als Arzt auf japanisch vorzutragen, was zur zögerlichen Übergabe führte. Außer dem Chef der Apotheke gabs dort noch einen angestellten Magister, der angesichts der unerlaubten Tat seines Chefs furchtbar nervös wurde. Er zupfte an seinem Hemdkragen, richtete sich das Schild an seinem weißen Mantel, hüpfte in seinen kleinen Schuhen, versuchte trotzdem ein Papier zu lesen und sich Notizen zu machen, aber er war zu aufgeregt. Er war heilfroh, als wir die Apotheke verließen.
Zur Fähre auf die vorgelagerte Vulkaninsel: alles einfach, wie gehabt. Die Fähre groß, pünktlich und der Vulkan schickt Asche, um uns zu erfreuen um Punkt 12 Uhr in den Himmel.
Drüben angekommen geht nichts außer dem Touristenbus. Noah will – wegen des Erlebnisses – mit Elektrorädern den Berg zum Aussichtspunkt hinauf strampeln, ich bin von gestern müde, der Verleih besteht auf der Rückgabe der Räder in 1 ½ Stunden, da nehmen wir besser den Bus. Alles verschlafen, Nebensaison, Jänner, nichts los. Der Vorteil der wenigen Touristen kann manchmal auch ein Nachteil sein.
Die Rundfahrt zum Observatorium und zurück, ist wenig aufregend. Wir fahren auf gesicherten Straßen, an Betonwänden vorbei, manchmal ist ein Baum oder ein kahler Strauch zu sehen. Die Alleebäume Kirschen, allerdings blühen sie im März, dann ist die Insel sicher gut besucht. Der Vulkan Sakurajima ist der aktivste Japans und der zweitaktivste der Welt. Da muss man immer auf der Hut sein, deshalb sind die Straßen gesichert und der Aussichtsplatz hat nicht einmal ein Büfett.
Sonja spricht uns am Aussichtspunkt an. Sie hat uns Deutsch sprechen hören. Sie ist mit ihrer Mutter auf Urlaub. Von Beruf ist sie Betriebsingenieurin aus Taiwan mit Wohnsitz in München. Sie verkauft online im Homeoffice industrielle Elektrospeichersysteme. Sie unterstützt den Verkaufsprozess durch ihre technische Expertise. Als ich sie frage, wo sie in München wohnt, ist ihr das peinlich. Noah rettet sie. Er mag Peinlichkeiten nicht und respektiert den Wunsch nach sehr viel Privatsphäre bei Asiatinnen wie Sonja.
Die Insel hat uns enttäuscht. Noah friert, es war sonnig und in unserer Familie glaubt man dann, dass es warm ist. Daher hat er nur zwei T-Shirts an und mein Monari-Spenzerl (auch Herzwärmerli genannt). Vom Ausflug zurück suchen wir eine Jacke für ihn, aber er ist groß und schwer, keine japanische Figur. In der Shopping-Mall sehen wir eine Bäckerei in der frühe Etüden Mozarts gespielt werden und frische Backwaren ausgestellt sind. Man kann sehen wie sie gemacht werden, wie sie aus dem Ofen kommen. Die Backöfen und die Teigmischmaschine sind hinter dem Verkaufstresen. Eine Angestellte mit Häubchen, dunkelblauen Handschuhen und einer Zange (Wir hätten auch nicht gewusst was sie noch anziehen soll, um ein das Gefühl absoluter Reinheit zu unterstützen.), um die Waren anzugreifen, ordnet die Küchlein und die salzigen Germteiggebäcke ständig neu in den Schaukörben die auf zwei großen Tischen angeordnet sind und den Mittelteil des Lokals einnehmen. Nur zwei kleine Tische mit je zwei Sesseln stehen am Rande. An sich ist ein Ort an dem man kauft und mitnimmt nur wir und ein Ehepaar setzen uns. Die junge Frau arbeitet ununterbrochen, aber langsam im Rhythmus der Musik. Kaffee gibt’s zur unbeschränkten, freien Entnahme. Wir bleiben lange und essen zu viel. Vor allem die zweite Runde hätten wir nicht nehmen sollen: Je ein Krapfen mit Fischpaste gefüllt, Germteigbrötchen mit roter Bohnenpaste, karamellisiertes Vanilletörtchen, gedrehter Germteig mit Würstchen – es war zu viel.
Im Hotel ins Onsen-Bad: warmes Wasser überall, man wäscht sich ausführlich – ich erzeuge nicht so viel Schmutz, wie ich mich in Japan wasche. Wir müssen uns dauernd eincremen, um keine rissige Haut zu bekommen. Das Becken ist geteilt, ein Teil ist im Freien, einer drinnen. Alle Männer sitzen draußen, keiner schaut einen an, es ist unhöflich, Menschen im Onsen zu grüßen oder anzuschauen.
Dass wir dann statt schlafenzugehen, noch ein lokal typisches Fleischfondue essen gehen, dass Noah zusätzlich Fleisch im Tempurateig bestellt, obwohl wir längst satt waren, dass das alles führt dazu, dass ich nachts nicht schlafen kann und zum Schreiben komme, ist weder neu, noch altersentsprechend. Leider gehen mir die Alten auf die Nerven die abends keinen Tee oder Kaffee mehr trinken, weil sie dann nicht schlafen können. Wer schläft in meinem Alter schon noch durch? Man wacht auf, ist wach, meist ist die Tagesschlafmenge ausreichend. Wenn man aber bei den Nachrichten um 19:30 einschläft und nachmittags bereits geruht hat, dann ist man eben um Mitternacht wach. Dann steht man auf, liest oder schreibt, oder macht etwas Dummes. Das sind keine Schlafstörungen, sondern die Befriedigung des Schlafbedürfnisses im Alter. Schlimm wird’s nur, wenn man beginnt Schlafmittel einzunehmen. Sie befördern die Demenz und machen abhängig.
Dass wir nicht nach Okinawa fliegen, sondern morgen im Laufe des Tages nach Osaka reisen, und Yokoshima nicht besuchen werden zu der wir fast zwei Stunden mit dem Speedboot hinfahren müssten, um dort in tausend Jahre alten Zedernwäldchen zu spazieren, kann nur mit der langsam aufkommenden Reisemüdigkeit erklärt werden. Beides ist nun in die Ewigkeit verlagert worden. Selbstverständlich führt die Entscheidung zu massiver FOMO! All das wird am nächsten Tag erklärt.
Mein Geist wäre um 02 Uhr Früh wach, fahl scheint der Vulkan im Mondlicht, aber meine Augen erlauben kein Weiterschreiben. Schade.
Morgen Früh lasse ich Noah ausschlafen, da geht dann fast nichts mehr. Dennoch: der neue Tag brachte uns nach Osaka – siehe dort.
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