Hakone - der Vulkan, das 1000Jahre Ei und der See

 

Hakone – der Vulkan, das 1000Jahre Ei und der SeeHeute machen wir das, was alle hier machen: wir fahren mit der Seilbahn auf DEN Berg, um den Fuji anzuschauen. Im Bahnhof, der auch der Startpunkt der Seilbahn ist, gibt’s Plakate die die Freundschaft des Ortes Hakone mit St. Moritz zeigen und eine schweizer Kuhglocke. Ich bin wie zu Hause. Zuerst wird die Zahnradbahn, die 1921 begründet wurde für die 140 Höhenmeter zur Gondelbahn genommen. Fototermin mit Schwefeldämpfen die aus dem Vulkan entströmen. Es werden Hundertjahreeier verkauft, die im heißen Ruß hart gekocht wurden. Noah erzählt mir, dass sie so heißen, weil der der sie isst, 100 Jahre alt werden wird (der Legende nach) und nicht, weil die Eier 100 Jahre eingegraben worden waren. Ganz im Gegenteil: sie müssen in den nöchsten zwei Tagen gegessen werden! Ich kaufe vier, er schwört, dass er das nie essen wird und wie genießen jeder ein Ei beim Frühstück am nächsten Tag.
Mit der Gondel auf der anderen Seite ins Tal – es ist Mittag geworden. Der Fuji steht beeindruckend vor uns. Der Gipfel schneebedeckt, manchmal mit einer Wolke bedeckt, wie wenn er eine Haube trüge. Genau wie in allen Reiseführern und auf den Postkarten aus Japan.
In einem kleinen Lokal, das im Internet gute Kritiken hat, essen wir am Ufer des Ashtai Sees. Die Esskultur Japans ist perfekt, zwei Suppen, eine mit Udon, eine mit Sobanudeln schmecken ebenso hervorragend, wie das Tempura aus Sprotten und Gemüse.
Der Spaziergang entlang des Sees und im angrenzenden Bambuswald zeigt uns Koniferen, Fichten, das Glitzern des Sees in der untergehenden Wintersonne und erfreut durch vielfältige Vater-Sohn Gespräche über Gegenwart, Frauen, Zukunft, Frauen und Frauen und Vergangenheit. Was kann man seinen Kindern weitergeben, was nehmen sie an und was ist es Wert weitergegeben zu werden? Diese Frage hat vor mir Kaiser, Könige und Genies beschäftigt, ich kann sie nicht lösen und erzähle daher das, was mir in den Sinn kommt, ungeordnet, assoziativ und ohne Belehrungsabsicht. Ich bekomme gute Antworten als ich zum Beispiel die Äußerungen des israelischen Regierungsmitglieds zitiere, der findet man müsse die Menschen in Gaza ausrotten und sage, dass das unseren Gegnern in die Hände spielt: für Antisemitismus braucht es keine Erklärung und kein Verhalten eines Juden oder der jüdischen Gemeinschaft sei daran schuld, sagt mein Sohn. Er sei einfach da, es gäbe immer Probleme im Zusammenleben der Menschen und man brauche Schuldige. Und beim Juden müsse man keinen neuen Sündenbock suchen, den gäbe es schon lange mit allen Eigenschaften und Konnotationen.
Da erinnere den kurzen Film, der im Picassomuseum gezeigt wird. Es zeigt den Künstler wie er eine Ziege aus Ton herstellt, vielleicht noch besser als sie in echt wäre. Ein echter Sündenbock. Schaut die mir ähnlich? Bin ich das?
Am Ende der Wanderung gibt’s zur Belohnung ein Eis: kleine, rosa und blaue Kügelchen in einem Plastikschälchen. Noah ist ganz überrascht, dass ich ein Eis wollte und kaufe, isst mir die Hälfte weg und gibt eine Diabetes-assoziierte Geschichte zum Besten. Mit dem Bus und der Bahn fahren wir nach Hakone zurück. Wir sehen jene Menschen, die die gleich Runde wie wir absolviert haben, aber mit dem „Piratenschiff“ über den See gefahren sind, statt zu gehen und fühlen uns – Sie wissen’s schon – überlegen.
Privates Onsen zur Reinigung, öffentliches Onsen, um die Dämmerung am gegenüberliegenden Hügel zu genießen – Abendessen. Wieder neungängig mit derselben Bedienung, die immer lacht, wenn wir Fehler machen, uns japanische Worte erklärt und sagt, wie wir was essen sollen. Wir folgen allen Empfehlungen, trinken Bier, Sake und wenig Wasser und essen viele Muscheln, Fische, saure Gemüse und Unbekanntes mit Unbekanntem. Am Tisch kann das Essen vom Genießer komponiert werden. Viele kleine Schälchen mit saurem oder scharfem Gemüse werden zu den Speisen angeboten. Nie steht etwas für sich alleine, nie gibt’s nur das oder das. Alles ist eine Komposition des Kochs, der Kellnerin und des Essers. Wir probieren fast alles: dunkel-schwarze Austern, sauer eingelegter Tintenfisch, rohe Crevetten bis zur gebratenen Languste. Als Nachtisch bekommen wir ein Schälchen gekochten Reis. Alles hat einen sehr feinen Geschmack auf den wir uns einstellen, was manchmal besser, manchmal schlechter gelingt.
Wieso der Bericht vor allem die Natur und das Essen beschreibt? Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Riecher, ein Fühler und ein interaktionell Wahrnehmender bin und – leider für die heutige Zeit – kein Schauer, Seher oder Gucker. Daher würde mein Reiseführer nach Japan viel über Verhalten, Essen und Kultur enthalten und wenig über Aussichtspunkte und Fotostops. Noah hat über 1000 Fotos gemacht und ich 51. Das sagt alles.

 

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