Die Insel vor Hiroschima - Miyajima

 

 

Ganz können wir unseren Absichten die Erinnerungen an die Atombombe nicht wahrzunehmen, nicht entsprechen. Sowohl das Hotel, das sehr schlechte inkludierte Frühstück als auch die Stimmung und die Gerüche der Stadt, riechen für uns nach Verbranntem, gemahnen uns an Tod und Verbrennen. Da mein Großonkel Wowek Nattel in Auschwitz an Leichen der Vergasten von seinem 14. Bis 16. Lebensjahr in den Öfen verbrannt hat, sind das gefühlt erinnerte Gerüche, denen wir schnell entkommen wollen.
Allerdings: Am Weg zum Boot, das uns auf die Insel Miyajima bringen soll, gehen wir an dem A-Dom vorbei. Es ist ein völlig ausgebranntes, zerstörtes Haus mit einer Kuppel aus Stahl, das am Tag des Abwurfs 1945 der Sitz der lokalen Handelskammer gewesen ist. Um es als Mahnmal zu erhalten, wurde es konserviert. Eine Fremdenführerin steht mit einer Gruppe davor und den Menschen etwas anhand einer Mappe mit Bildern und Zeichnungen. Wir sehen nur ein Bild einer toten, verbrannten ineinander verknäulten Menschengruppe. Es hören asiatische Menschen ein alter Mann im Rollstuhl sitzend zu. Er mag ein Überlebender sein, jedenfalls ein Zeitzeuge. Meine Bemerkung, dass es nötig wäre Japans Kriegsverbrechen vor und im Krieg in die Trauer über den Atombombenabwurf und dessen Folgen einzubeziehen, wird von meinem Begleiter schroff zurückgewiesen: ich wüsste nicht, was die Frau mit den Anschauungsbildern gesagt hätte. Weder verstünde ich Japanisch, noch wäre wir mehr als fünf Minuten stehengeblieben, weil wir unser Boot schon den Fluss heraufkommen sahen und es keineswegs versäumen wollten.
Herrliche Überfahrt: die Sonne kommt öfters zwischen den Wolken hervor, wie ein Scheinwerfer beleuchtet sie das Meer. Das Licht glitzert am Wasser. Wir müssen leider unter Deck sitzen, die herrschende Flut verbietet den Aufenthalt am Achterdeck. Als wir die Stadt und den Fluss verlassen, nimmt das Boot am offenen Meer Geschwindigkeit auf. Wir landen pünktlich nach 45 Minuten. Der Kapitän ist sein eigener Maat: als das Boot parallel zum Kai steht, rennt er nach achtern, um es festzumachen.
Der bedrückenden Stadt entkommen, die nur die Frage zulässt, warum man nach deren Vernichtung an derselben Stelle wieder eine Stadt erbaut hat, sind wir erleichtert. Die Stadt wirkte wie ein Häusermeer, das  lediglich einmal vom Friedenspark und dem Memorial unterbrochen ist.
In Miayjiama angekommen, sehen wir den kultischen, orangen Bogen, der vorm Kai riesengroß im Wasser steht und einer der zwei größten des Landes ist. Um ein Foto mit dem Bogen vom dafür errichteten Pier machen zu können, muss man sich anstellen. Unser Foto ist besonders: ein Stein ermöglicht es mir einmal größer als mein Jüngster zu sein. Dafür schaut es so aus als ob ich einen japanischen Helm aufhätte, der das dach der Ampel ist, die am Kai steht. Neben dem Kai ist ein Kloster das wir besichtigen. So wie tags zuvor sehen wir Göttinnenstatuten, Engel und andere zu verehrende Statuen, deren Bedeutung wir nicht kennen. Das Kloster steht in einem künstlich angelegten Teich, der mit dem Meer verbunden ist. Es schwimmen Goldfische darin. Da wir vom Schiff wissen, dass Flut herrscht und der Teich niedrigen Wasserstand hat, fragen wir uns, was bei Ebbe sein wird? Wir lassen unser kleines Gepäck in der Aufbewahrung und auf den Vulkan, den Schöpfer der Insel. Der heutige Reiseplan steht fest: nach dem Aufstieg werden wir mit der Gondel zu Tal schweben, mit der Fähre nach Hiroschima zurückfahren, den Lokalzug nehmen und mit dem Shinkansen nach Kagoshima reisen.
Wir gehen in das zu dem Bogen gehörenden Kloster, das voll aktiv ist. Wie in allen Schreinen besticht die Architektur, die Farben und die Andacht der Menschen. Sonst gibt’s nichts. Am Berg soll auf dessen Gipfel Andachtsstätten und eine Aussichtsterrasse sein. Der Wald ist im Jänner grün! Zwei junge Männer überholen uns und ein amerikanisches Ehepaar in Sportkleidung. Viele Menschen kommen uns entgegen – wahrscheinlich sind sie hinaufgefahren und gehen nun hinunter. Wir gehen froh die hunderten Stufen. Wir sind schlecht ausgerüstet. Noah trägt seine Stadtkleidung der warmen Jacke, die er leider nicht im Schließfach gelassen hat. Ich kann endlich meine Wanderkleidung ausfruchten, Orthovox heißt das Stichwort. Wasser nehmen wir keines mit.
Meine Bewegungsvorbereitung lohnt sich. Die vielen Stufen, die ich am Chummerweg in Küsnacht bis Almend gegangen bin, bewähren sich. Fast mühelos steige ich trockenen Mundes hinauf, Noah schimpft manchmal, schnauft, schafft es aber wunderbar. Ein Zuckerl aus seiner Tasche auf der Plattform am Gipfel gelutscht, tröstet darüber hinweg, dass das Souvenirgeschäft kein Wasser verkauft. Alles was der alte Mann verkauft, brauchen wir nicht. Wir werden für den Aufstieg mit einem wunderbaren Rundblick belohnt. Wir sehen über die Bucht Hiroschimas, glitzernde Wasserflächen spiegeln sich in der und durch die Sonne, Noah macht überall Fotos des Glitzerns. Es fällt uns schwer sich nach dem Aufstieg nicht besser zu fühlen als die, die gefahren sind. Eine amerikanische Mutter mit ihren Söhnen sehen wir bei der Gondelstation wieder. Sie hat uns beide im Hafen fotographiert und wir vermuten, dass sie vielleicht vom Mittagessen kommen und hinauf gefahren sind. Noahs freudige Begrüßung kann auch als Provokation aufgefasst werden. So wie die aussehen, war das Essen schlecht.
Wir nehmen kein Essen in einem der vielen (Touristen-)lokalen der Insel ein, wir wollen im Zug am Tag sein, um die Landschaft im Abendlicht zu genießen. Irrtümlich steigen wir leider in die Straßenbahn ein. Es stand am Führerwagon als Endstation Bahnhof Hiroshima. Noah verzweifelt: wir verlören eine Stunde in der Straßenbahn, wir müssen sofort zum Lokalzug wechseln, der parallel verkehrt. Gesagt, getan – wir steigen um. Nicht einfach so. Dort wo wir aussteigen müssen wir durch einen Ort stapfen, Stiegen hinauf dann hinab und fünf Minuten warten. Wir machen den immer selben Witz: „So lang zu warten!“ Nach 15 Minuten sind wir am Fernbahnhof. Diesmal kaufen wir so viel ein, wie wir tragen können: bei einem Rindfleischstand die Luxusbox mit Roastbeef, Rindfleisch mit Sojasprossen, Gemüse, eingelegten Spezereien, Wasabi und zwei Saucen. Dazu noch zwei Salate, Noah kauft noch eine Box mit Sushi und zuletzt eine Box mit Aal, weil es die lokale Spezialität ist. Bier, Sake, Wasser – wir sind bedient. Diesmal sogar sechs Minuten bevor der Shinkansen mit seiner Schnauze, die wie ein Glücksdrachen aussieht, einfährt, wir wären sogar für den Zug davor noch rechtzeitig. Inzwischen wissen wir aber, dass wir nicht einfach einsteigen, sondern den Zugsnamen, seine Nummer und die Wagonnummer beachten müssen.
Die Landschaft sehen wir im Abendlicht. Die Strecke führt von der Hauptinsel Honshu nach Kyushu – bis ans Ende der Insel führen die Geleise. Im Zug herrscht größte Ruhe, der Zugsführer betritt und verlässt den Wagon jeweils mit einer Verbeugung. Beim Verlassen dreht er sich sogar um, bevor er sich verbeugt. Er erkennt jede Regelwidrigkeit sofort. Am nicht reservierten Sitz sitzen, die falsche Fahrkarte haben oder Rauchen in den kleinen dafür vorgesehenen Abteils bei offener Türe – führt zu seinem sofortigen Einschreiten.
In Kagoshima angekommen, empfängt uns der Duft des Frühlings. Das erst kürzlich erbaute Sheraton Hotel mit öffentlichem Onsen ist unser Quartier. Wir haben es vor allem wegen des Blicks auf den Vulkan gebucht, der Blick kostet allerdings um € 50.- mehr. Sofort besuchen wir das öffentliche Thermalbad. Dort werden wir von einem Mitarbeiter empfangen, der uns eine Nummer an einem Holzperlenarmband überreicht  Es ist die Nummer der zugewiesenen Kästchens. Eines für die Patschen im ersten Raum, eines für die Wäsche im zweiten Raum. Stolz verwenden wir unsere Hausanzüge, die wir bisher nie brauchen konnten, denn in jedem Hotelzimmer fanden wir Bademäntel und fein säuberlich zusammengelegte Schlafanzüge aus weicher Baumwolle vor.  Wir machen alles, wie jedes Mal falsch.
Schon im 1. Raum, bei den Schuhkästchen wo wir nur die blauen Patschen hätten ausziehen sollen, ziehen wir uns nackt aus. Der Badewärter kommt fast schreiend rufend herein – man hätte uns von außen sehen können und gegenüber ist der mit einem halbhohen Vorhang verdeckte Eingang für die Frauen. Es ist klar wir haben einen Fehler gemacht. Im nächsten Raum müssen wir unsere Kleidung Hausanzug ablegen. (Es ist verboten mit dem Bademantel aus dem Zimmer zum Bad zu gehen, wie uns die sehr nette Rezeptionistin Jane mitgeteilt hat. Es ist selbstverständlich, dass sie sich dafür entschuldigt, ohne es zu meinen.) Das nächste Zimmer, eher eine Halle aus Granit ist voller und zu der Reinigungsstationen. Kleine Plastikhocker stehen dort, neben den Wassereinlässen sind Granitbecken, bei jedem Platz steht eine Schüssel. Eine Handbrause und eine Tülle sind vorhanden, das Wasser ist warm. Haarshampon, Body-wash, Seife – alles ist vorhanden. Es darf kein Schmutz in das gemeinsame Bad kommen. Wir grüßen, wie wir es überall erlebt haben. Hier ist es falsch. Mit Mühe haben wir gelernt jeden und jede zu grüßen, im Onsen darf man einander nicht einmal anschauen. Das Warmwasserbecken wird von einer lebendigen Quelle gespeist. Wie in einer Bedürfnisanstalt darf man niemanden anschauen oder anreden. Es war fiel uns nicht schwer, da nur zwei Herren mit uns anwesend waren.
Ins Zimmer kommen wir sehr entspannt zurück, allerdings ist es schon ½ 10 abends. Wenn wir noch was essen wollen, müssen wir uns beeilen. Die Rezeptionistin meinte, dass hier in der Provinz alle Lokale um 22 Uhr schlössen, Goggle Maps zeigt etwas anderes an. Genau gegenüber des Hotels gibt’s eine Isakayabar, wir sehen vier junge Menschen darin. Zwei Mädchen gehen hinaus, Noah erkennt, dass sie Zigaretten holen In der Bar ist Rauchen erlaubt. Wir gehen gerne hinein, Bier, Spieße und anschließendes Rauchen locken. In Japan darf man nicht einmal auf der Straße rauchen, aber es gibt Raucherkojen und Hotelzimmer in denen man rauchen darf und eben Bars mit Raucherlaubnis.
Am Grill werden Hühnermagen, -haut, -flügel,  und -pürzel gebraten, mit Hühnerfett bestrichen. Der Koch kann etwas Englisch, die besucher von denen ein Paar ihren Jahrestag feiern, sind fröhlich und werden noch fröhlicher nachdem Noah zwei Runden Sake schmeißt. Shots kommen dazu – die ohne mich. Ich gebe einer jungen Frau mit blau-schwarzer Mähne meine Visitenkarte mit dem QR-Code und sie findet mich im Internet. Ab dann ist man noch begeisterter zwei Ärzte aus Österreich im Raum zu haben, wir rauchen im Lokal miteinander. Eine dunkelhaarige Frau raucht ununterbrochen, wir trinken und prosten uns zu. Es ist eine alkoholische, keine sprachliche Verständigung. Man lacht ohne zu wissen warum und alle genießen den Abend. Sogar der Koch und der Chef des kleinen Restaurants trinken und rauchen mit. Wir schauen kurz bevor wir aufbrechen, wie der Koch aus drei Eiern eine kunstvoll gelegte Eierspeise macht. Wir kennen die Art Eier zuzubereiten sonst nur aus den Bentonboxen, aber dann kalt. Aus purer Hetz bestellen wir nach Mitternacht noch eine Eierspeise aus zwei Eiern, weil wir’s kosten wollen. Wie viel Lachen und Heiterkeit wir erleben trotz keinem bis wenigem sprachlichen Verständnis! Wieder im Hotel blicken wir aus dem 11. Stock in die Richtung des Vulkans Sakurajima auf die noch immer lebendige Stadt hinunter.

 

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