Das Volksfest -Kyoto Tag 2

 

 

Der Unterschied zwischen Visitor, Tourist und Traveler ist bedeutend: Visitor war ich zum Beispiel als ich mit dem Kreuzfahrtschiff jeweils ein paar Stunden in einem Hafen, einer Stadt oder einem Land war. Tourist bin ich diesmal: zwei Nächte pro Stadt und je ein bis zwei Erlebnisse. Traveler tragen meist einen Rucksack, haben wenig Geld und viel Zeit. Daher bin ich das zweite Mal als Tourist in Kyoto, ohne die Stadt wirklich kennengelernt zu haben. Philosophisch gesehen lernt man sich immer nur selbst kennen, egal ob man nach innen oder nach außen schaut. Diesmal auch meinen Jüngsten, der DAS Volksfest Kyotos im Reiseführer findet und darauf drängt, dass wir es besuchen.
1500 Buben und Mädchen kommen alljährlich aus dem ganzen Land mit Familie und Freunden am 15.01. in traditionell japanischer Kleidung nach Kyoto. Wir haben unser Gepäck in ein Schließfach am Bahnhof verstaut und sind zu Fuß zum Fest, das auf einem großen Gelände im Zentrum der Stadt stattfindet. Viele Menschen sind in der ganzen Stadt am Sonntag unterwegs, so dass man selbst auf den breiten Gehsteigen Kyotos ausweichen muss. Viele – auch ältere Paare – gehen in Tempeln wie bei uns zum Kirchgang gekleidet: die Männer in dunklen Anzügen, die Frauen im Kimono mit Obi, weißen Socken in traditionellen Schuhen. Zum Fest gehen die jungen Schülerinnen und Schüler sie mit ihren Bögen in Plastikrohr wie man auch Poster transportiert, auf der anderen Schulter tragen sie einen Köcher mit Pfeilen. Man erkennt die Teilnehmer und Teilnehmerinnen an der für Jänner leichten Kleidung: Die Mädchen im Kimono, manche tragen sie einen Seidenmantel darüber, die Knaben haben eine Seidenjacke und -rock an, aber kein wärmendes Kleidungsstück. Am Fest eingetroffen ziehen sich die Jungen um. Die Mädchen und Buben sind dann nur mehr in Seide gekleidet, die Mädchen frischen ihre prächtige Schminke auf, richten die kunstvoll hochgesteckten Frisuren. Die stolzen Eltern machen Fotos ihrer Kinder und deren Freunde vor einem kleinen Teich, der eigens dafür im Festgelände angelegt wurde. Die Besucher, die außer uns alle Japaner sind, treibt man von den vielen Helfern und Helferinnen streng bewacht und in Zweierreihen gezwungen, rund um die Festtagshalle, sodass man als Besucher einen Blick auf das Bogenschießen selbst erhaschen kann. 100 Meter Distanz, zwei Pfeile dürfen in der vorgeschriebenen Weise (Bogen hinauf, langsam absenken – Schuss) abgeben werden. Bei den zwei Runden die wir gehen, trifft nur eine von 20 Teilnehmerinnen einmal. Die kommt in die nächste Runde, alle anderen scheiden aus und bekommen eine Teilnahmebestätigung, mit der sie sich anscheinend nicht freuen. Der buddhistische Gottesdienst findet gleichzeitig statt und wird am Gelände mit Lautsprechern übertragen. Dort kann für Glück beim Schuss gebetet werden und Götter und Göttinnen werden um Schutz und Hilfe gebeten. Wir hören die gesungenen Texte, lassen den Gottesdienst vorübergehen und besuchen erst danach den Tempel. Vor dem Tempel stehen Helfer, die Plastiksäcke für die Schuhe verteilen, so dass man diese im Tempelrundgang mittragen kann. Mit Schuhen dürfte man den Tempel nicht betreten. Am Ausgang stehen wieder Helferinnen, welche die Säcke einsammeln und in großen Abfalleimern zusammenstampfen. Wir besichtigen, wieder in Reih und Glied aber ohne Schuhe, in einem Rundgang den Tempel mit seinen vielen Götterfiguren, die von engelsgleichen Statuen, die hinter ihnen stehen, begleitet werden. Manch ein Gläubiger bleibt bei der einen oder anderen Figur stehen und wirft Münzen in die hölzernen Kästen, die nach oben mit Sprießerl versehen sind, hinein. Diese Opfergabe soll die Götter gütig stimmen. Viele verbeugen sich, sprechen Gebetsformeln. Man hört nur die gemurmelten Gebete. Es ist in Kyoto überall auffallend still ist, wie wenn die Stadt ehrfürchtig wäre.
Die Imbissstände vor der Festhalle bieten allerlei: von Döner bis zu gebratenen Spieße, von kandierten Früchten bis Zuckerwatte. Wir lassen uns zu kandierten Erdbeeren hinreißen: Mein Sohn sagt, dass ich erst wieder in Europa auf meinen Blutzucker schauen soll. In Japan mit ihm, soll ich keine Diät halten.  Wir waren die einzigen Ausländer soweit wir sahen – jetzt haben wir lange genug das traditionell-japanische Fest gestört.
Im gegenüberliegenden, kaiserlichen Museum, das architektonisch an das Palmenhaus in Wien gemahnt und von einem tschechischen Architekten vor 150 Jahren errichtet wurde, sind Renovierungsarbeiten im Gange, das Museum gesperrt. Vorm Museumskaffee in einem flachen Neubau, stilistisch sich in den Hügel drückend, mit einer Terrasse neben dem kleinen Teich, warten Leute in einer Wartebucht mit einigen Sessel. Man trägt sich in eine Liste ein und wird, wenn ein Tisch frei wird, aufgerufen. Wir warten wenige Minuten, bekommen einen Platz im Freien, es ist warm und sonnig. Der Platz vorm Museum hat einen Springbrunnen, weite Flächen wurden für den Besuch des Kaisers in seiner ehemaligen Residenz angelegt.
Ein kleines – das moderne Museum – ist geöffnet: japanische Kunst- und Kultgegenstände werden gezeigt. Von Töpfereien bis zu Schmuck. Unabhängig voneinander gefallen uns beiden die Übermäntel aus schwerer Seide in leuchtenden Farben, wie sie von Schauspielern oder Zeremonienmeistern getragen wurden. Freundlich-strenge Bedienung: Der Audioführer wird zwar ausgegeben, aber sowohl die Bezahlung als auch die Rücknahme erfolgt ohne Kontakt, das blaue Plastikschälchen ist uns als Austauschmedium schon von den Reservierungsschaltern der Japan Rail bekannt und aus den Taxis, wo ich mich bereits zu schrecken begonnen habe, wenn mir der Fahrer mir den Rest in Münzen in die Hand gibt und nicht ins Schälchen legt. In jedem Hotel geben wir unsere Pässe ins Schälchen und bekommen sie mit beiden ausgestreckten Händen zurück, aber ich habe meinen Mitreisenden noch nicht so weit beeinflusst, dass er seinen Pass ebenfalls mit zwei Händen überreicht und zurück nimmt.
Kleine Hektik: zu Fuß die zirka zwei Kilometer zum Bahnhof zurück, Gepäck holen, Proviant kaufen – ab in den Zug nach Hiroschima. Es ging sich alles aus, wie waren sogar fünf Minuten zu früh. Am Ziel des heutigen Tages wollen wir explizit nicht der Atombombenopfer gedenken, nicht in das Friedensmuseum gehen, sondern eine nahegelegene Insel besuchen auf der zwei oder drei Tempeln sehenswert sein sollen. Die Zugsfahrt herrlich, für 250 Kilometer braucht der Shinkansen zwei Stunden. Essen und schlafen gehen sich da kaum aus, besonders weil die vorbeifliegende Landschaft uns engsten Siedlungsbau und grüne Hügeln zeigt.
Hiroschima erscheint uns vom ersten Moment an wie Tod. Die Hotelhalle völlig leer, das Schwimmbad, weswegen wir das Hotel gewählt haben, nicht benutzbar. Die Gänge riechen nach Parfum alter Frauen, das beste am Zimmer war die Badewanne. Unverdrossen suchen wir noch ein Isakaya Bar in der Spießchen am Holzkohlengrill gemacht werden, finden eine, aber sie sperrt um 22 Uhr, 20 Minuten nachdem wir eingelassen wurden. An den Wänden Zeitungsausschnitte, die verbrannte Menschen zeigen und den Besuch Barak Obamas und des aktuellen US-Präsidenten Joe Biden, die Anteilnahme heucheln. Die Straßen weitgehend leer, Rußgeschmack von den schlechten Spießen Mund. Wir sind froh, dass wir nur eine Nacht gebucht haben, lang mag man in Hiroshima nicht bleiben.

 

 

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