Mittwoch, 15. Jänner 2020 - Seetag

Das Schiff ist eine Ansammlung an Hässlichkeit. Wohin das Auge sich wendet – Hässlichkeit. Im eigenen Spiegel ist’s nicht besser. Da es ein schwimmendes Altersheim von zumindest Mittelschichtigen ist, versuchen fast alle die Erscheinungen des Alters zu mildern: Man sieht die Ergebnisse von Schönheitsoperationen (meist Italienerinnen), man sieht vorteilhafte Kleidungen und Schuhe (oft Französinnen) und Naturmodelle (vorwiegend Schweizerinnen), die trotz allem den Alterungsprozess der Haut und der Figur ertragen müssen. Männer machen zum Teil Fitness, Frauen Therapien. Doch ich bemerke, dass ich für den/die Leser*in keine Führung durch’s Schiff gemacht habe. Es mag sein, dass ich Leser*innen habe, die das große Schiff kennen lernen wollen – also kommen Sie mit.

Man betritt das Schiff im 2. Stock. Darunter sind die Mannschaftsräume, die zum Teil unter der Wasseroberfläche liegen und daher völlig geschlossen sind. Die besseren sind auf Deck A und 1 – sie haben bereits ein Bullauge, auch wenn man es nicht öffnen kann. Bei der Mannschaft gibt es unterschiedliche Kategorien: zuunterst sind die Frauen und Männer aus den Philippinen, Indien und den anderen ehemalige Kolonien Südostasiens: sie bekommen Achtmonatsverträge, die praktisch unkündbar sind, haben einen 16-Stunden Arbeitstag und sind in ihrem Gehalt vom Zwangstrinkgeld abhängig. Sie wohnen in Kabinen zu zweit, müssen sich um alles anstellen: Essen, bei den Waschmaschinen, beim Trockner, werden bestohlen, oder stehlen. Man trifft sie morgens auf Deck 11, dem Aussichtsdeck, wenn man so wie ich um 7 – ½ 8 Uhr auf den Sonnenaufgang wartet. Sie grüßen mit: "Good morning, Sir!" und grinsen, wenn ich sie ebenso zurück grüße.

Das Schiff wird zumeist am Deck zwei betreten. Man kommt in eine große Halle. In der Mitte die größte Bar des Schiffs. Abends sitzt ein Entertainer in einem kleinsten Raum hinter der Bar uns spielt und singt.  Im großen Raum steht ein Kunstwerk, eine aufgeschnittene Weltkugel, darum herum sind Fauteuils angeordnet. Dreht man sich um sieht man rechts das interne Reisebüro, links das help desk auch Rezeption genannt. An beiden Dienststellen haben meist junge Menschen Dienst, die dem höheren Personal angehören, aber nicht beim Schiffsbetreiber beschäftigt. Diese Dienste sind outsourced, also ausgelagert. Die Damen und Herrn sprechen mindestens drei Sprachen und haben eine perfekte Ausbildung im Umgang mit PAX.

Ob heute der Platz reichen wird, dass ich mehr als den 2. Stock beschreibe, weiß ich nicht.  Eher nicht, außerdem will ich Sie nicht täglich mit einem Stockwerk langweilen, wie haben noch fast 50 Seetage. Da werden wir das Schiff schon kennen lernen.

Geht man weiter nach links sieht man den täglichen Markplatz. Billige Güter, wie Parfüms, Zigaretten, Uhren, Modeschmuck, Schals und Leiberln erden so angeboten, dass es zum Kaufen einlädt. Hat man sein Geld dort nicht unnötig ausgegeben, wartet das Casino im nächsten Raum fast durchgehend auf Kundschaft. In Smoking gekleidete Croupiers beiden Geschlechts kümmern sich um einarmige Banditen, bieten Karten- und Roulett an. Ich habe ein Los um 2.-€ gekauft –  Trottelsteuer –  nichts gewonnen und das war’s.

Danach befindet sich die Tanzbar. Dort gibt’s Lifemusik, wenn man die Mischung aus einem drei-vier Personenorchester, einer Sängerin mit zwei Laptops und einem Mischpult so nennt. Sie spielen am Abend zwischen 18 – 24 Uhr auf. Gute, rhythmische, moderne Musik – die Jungen würden es Oldies nennen. Dort ist das Land meiner Träume, Ennio und Novelle tanzen hier, aber auch ein Deutscher, der sich wie ein Stock bewegt. Er versucht immer wieder eine Tanzlehrerin zu finden, die seinen völlig ungeeigneten Leib über die Tanzfläche schiebt. Man kennt ihn schon und weicht ihm aus so lange es geht. Seine Frau hat ein steifes Bein, sie geht dann weg und schaut angeekelt. Manche begrapschen die professionellen Tänzerinnen. Ein einstmals sehr männlicher Südamerikaner, der mit einer ehemals schönen fülligen Frau reist und seine schütter gewordenen, weiß-grauen Brusthaare gern aus seinem Hemd wachsen lässt, macht das viel. Die Tänzerinnen halten ihn auf Distanz, das ist aber leichter geschrieben, als getan. Seine große, elegante Hand wandert bisweilen zum Hintern der Tänzerin, die bisweilen den Tanz unterbricht, öfter aber eine offene Tanzfigur wählt, um sich zu entwinden. Ältere Damen werden von Tanzlehrern mit rührender Miene geführt, Beatrice eine kleine Frau von zirka 143 Zentimeter genießt das sehr, wohingegen die französische Tänzerin ihren Partner sehr viel an Kompetenz und Kraft abverlangt. Manche kommen einfach, um zu tanzen und nicht, ausschließlich, um sich zu zeigen. In der Tanzbar gibt’s gepolsterte Sitze und Bänke: Manche Plätze sind Stammplätze der Italiener, manche sind „frei“ und an den Tischen sitzen einsame Trinker. 

Anschließend öffnen sich die Glastüren ins Duse Theater. Das kann alles: Lichteffekte, Sound, bewegliche Bühne, die gehoben und gesenkt werden kann, Laserlichtpunkte, es kann regnen und schneien, Dias und Videos können projiziert werden und noch vieles mehr wovon ich nichts verstehe. Dort sind Empfänge, Abendaufführungen, Proben. Am besten besucht sind die peinlichen Aufführungen, wo PAX Karaoke präsentieren. Leider.

Nun ist das vordere Ende, der Bug des Schiffs erreicht. Jedenfalls für unsereinen: denn davor befinden sich noch Umziehkabinen für die Darsteller, Proberäume und Lagerräume, sowie Platz für Dinge zum Schiffsbetrieb. Denn das Ganze ist nicht nur ein Unterhaltungsmedium, sondern ein Schiff in den Ozeanen.

Kommen Sie noch einmal an den Eingang ins Schiff auf Deck zwei: geht man nach rechts, wäre die Welt eine andere gewesen. Zuerst kommt ein Gang mit guten, ledergepolsterten Bänken auf denen PAX sitzen, wenn sie auf den Einlass in den Speisesaal warten. Dann eine Bar, die wie ein Durchgang aussieht und auch einer ist. Dort spielt die dicke Giselle mit ihrem langmähnigen (seine Haare reichen bis über das Gesäß), großen Mann internationale und manchmal brasilianische Lieder, die sie am besten bringt. Meist macht sie das vor und nach den Essenszeiten, um uns die Wartezeit bis zum Einlass zu verkürzen und zum Verweilen einzuladen. Während gewartet wird nimmt man einen Drink. Man genießt und es wird verdient.

Jetzt kennen Sie erst den einen Stock und ich bin schon fast am Ende der Länge, die ein Blog haben soll. Ich kann Sie heute nicht noch in andere Stockwerke führen, insbesondere, wo ich diesen Blog noch mit Menschen gefüllt habe, die beim ersten Niederschreiben noch gar nicht vorgekommen sind.

Es dauerte lang bis ich mich am Schiff zurecht fand. Manchmal soll man achtern gehen und geht bugwärts, manchmal verwechselt man Steuer- mit Backbord und es hilft nur wenig, wenn man es mit rechts und links übersetzt. Wir haben’s leicht: wir haben die Kabine 8582, die ist an der Grenze zwischen den Samsara Kabinen und den klassischen. Man kann das an der Teppichfarbe sehen, die sich unmittelbar bei meiner Kabine ändert – von dunkelrot für die besseren Kabinen zu einem hellen blau. Die beiden letzten Reisen waren wir in der höheren Samsara-Kategorie: als aber fast alle Vorteile außer der noblen Saunalandschaft gestrichen wurden, die man in der „besseren“ Kategorie hat, haben wir gewechselt. Ob ich vom Lift, oder von den Stiegen kommend nach rechts, oder links gehen soll, das muss ich jedes Mal auf’s neue überprüfen und gehe ich noch immer falsch.

Auf den Fotos sehen Sie einen Plan des 2. Stocks und einige Bilder der beschrieben Räume. Das würde ich nicht anbieten, hätte ich nicht eine Frau, die das einerseits für mich fotographiert und andererseits verbale Beschreibungen von Plänen absurd findet. Sie will das sehen und nicht nur lesen/hören. Ich beuge mich der anderen Wahrnehmungsart. Selbst habe ich Anatomie aus einem Buch gelernt, das stilistisch einem Th. Mann ähnlich war und kein einziges Bild, keine Zeichnung enthielt. Vielleicht habe ich deswegen den Magen am Präparat nicht erkannt und so keine Auszeichnung von meinem verehrten Lehrer A. Gisel bekommen.
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