Ronny Scheer

Autor - Kinderarzt - Kabarettist - Psychotherapeut

Manneken Pis

Auf dem Foto sieht man Aaron wie er pisst. Das erinnert an den Manneken Pis, das Wahrzeichen von Brüssel. Mein kleiner Sohn Aaron – heute ein erwachsener Mann – steht und pisst. Heute ist er ein erwachsener Mann, am Weg zu einem Organisationsentwickler und Berater.
Mein Vater hat mir eine kleine Figur des Manneken Piss von der Weltausstellung in Brüssel 1958 mitgebracht, wo er unbedingt das Atomium sehen wollte. Atomkraft und deren friedliche Nutzung war nach der Katastrophe von Hiroschima und Nagasaki der Zug der Zeit und Atomkraftwerke schossen aus dem Boden des Wirtschaftswunders. Wir waren aber erst 1954 nach Österreich gekommen und das Einkommen der Familie war noch so klein, dass nur er und sein Vater fuhren. Heute unvorstellbar.

1994 als Dreijähriger – da war Aaron nichts außer ein süßer Junge. Irgendwie ist er das auch geblieben. Die Zeit, in die er hineingeboren wurde, war – so wie jede – eine besondere. Er bekam alles was er wollte. Vielleicht manchmal ein bisschen zu wenig Eltern, aber sonst alles. Das Leben war für ihn immer reich und bunt. Besonders faul, kein unnötiger Schritt – so wie seine Uromi Millie aus Schottland. Die ging auch nur vom Auto ins Haus und zurück und wurde 102 Jahre alt – aber davon ein andermal. Kein unnötiger Schritt, keine unnötige Bewegung. Aaron ließ sich von seinem afrikanischen Kindermädchen vom Kindergarten am Fuß unseres kleinen Hügels am Hilmteich bis zu unserem Haus am Hans Frizweg in Graz-Maria Grün tragen. Nicht, weil er zu schwach gewesen wäre, nicht, weil er es nicht konnte – es war ihm einfach zu fad so weit zu gehen und unangenehm war es auch. Damals hatte er noch keine Schuldgefühle, dass er die Frau veranlasste ihn zu tragen. Heute wäre das – wegen seiner Einstellung zu political correctness –vermutlich anders. Auch, weil sein Kindermädchen schwarz war. 

Er war der musische, der weiche. Anfangs, auch noch in dem Alter des Fotos, konnte er Schreikrämpfe bekommen, medizinisch Affektkrämpfe genannt. Wenn er etwas nicht bekam, oder nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte, wurde er blau. Dann holte er Luft. Da sowohl meine Mama wie seine Mama Marguerite sich sorgten und ihn daher beruhigen wollten, dauerten die Schreiattacken meist länger als nötig. Man machte sich Sorgen. Unnötigerweise. Die Anfälle hörten auf als wir sahen, dass sie immer durch Ohnmacht endeten und keine gesundheitlichen Folgen hatten. 

Aaron – der kleine Manneken Piss – ein durchwegs fröhliches Kind, ein gute Natur. Mein Schwiegervater Jack Dunitz sagt, dass man das nicht beeinflussen kann. Man bekommt eine fröhliche und positive Natur mit, oder eben nicht. Aaron bekam´s, Marguerite auch – ich habe davon etwas weniger. Ausdauersport war nicht seins, Ballspiele immer. Bis heute. Es musste einen Ball geben, sonst war’s fad. Aber das Korsett eines Vereins – uj – das war nichts für ihn und wird wohl auch nie was werden. Er gleicht da Groucho Marx und Woody Allen, die sagen: Ich will keinem Verein angehören, der mich als Mitglied aufnehmen würde.

Musisch begabt – was heißt das? Er trat in allen Opernproduktionen seiner Mutter auf – ein Jungstar.
Als Osmin – eine an sich nicht sehr dankbare Rolle – erfand er mit seiner Mutter Hilfe einen Kasten mit Folterwerkzeugen, die er seinem Herrscher Bassa Selim einzeln präsentierte, um ihn dazu zu bewegen, diese an den Fremden Eindringlingen auszuprobieren. So kam Bassas Güte noch besser zum Tragen und der Unterschied zwischen dem inzwischen beliebten Grazer Jungstar und dem professionellen Schauspieler aus dem Team des Next Liberty Jugendtheaters Graz, noch besser hervor.

Aaron ist kritisch geworden an sich und der Welt, sich selbst als ein Geschenk sehend und seine Existenz als zwar unnötig und unwichtig, aber für ihn selbst bedeutsam. Sicher der philosophischste unter meinen Kindern und der, der am meisten Papas brauchte. Stundenland saßen wir am Jakominiplatz, als es dort noch den Eistraum vom Sax gab und aßen diesen und beobachteten Männer, Frauen und vor allem junge Mädchen, die wir einschätzten. Woher sie kamen, wohin sie gingen und aus welcher Schicht sie kamen. Alles unbekannt und ein wunderbar aufregendes Spiel.

Wir spielen es bis heute.