Ronny Scheer

Autor - Kinderarzt - Kabarettist - Psychotherapeut

Barcelona

Manchmal sind Umleitungen kein Schaden. Frankreichs Generalstreik hat uns zu spät nach Barcelona geführt, jener Touristenmetropole, die die Menschen anzieht und wo Touristen versuchen Touristen auszuweichen. Das ist einfach: nur nicht auf die Rambla gehen, raus aus der Altstadt und rein in die kleinsten Gässchen in denen Huren und Drogenhändler stehen. Sich nicht fürchten und weitergehen.

Wir hatten es noch einfacher. Wir hatten keine Tickets für den Shuttlebus der Costa gebucht und mussten daher ein Taxi nehmen. Der Fahrer war ein Betrüger. Wir wollten zur Seilbahn auf den Mont Juif, Mittelstation. Er führte uns im Kreis, dann zur Anfangsstation, nahm statt 9.-€, 17,50 und dort standen wir nun. Der Beruf, den ich immer haben wollte, war zu sehen: ein Mann, der fünf Schritte nach vorne ging, wenn er den Lift von oben kommen sah. Dann öffnete sich der Personenlift von der Gondel, die in zirka 15 Meter Höhe über dem Hafen schwebt, acht Menschen stiegen aus, er hielt die Türe zurück, so dass sie sich nicht schloss, ließ acht Personen hinein, die vorher hinter dem Absperrband gestanden waren, das er sorgsam auf- und danach wieder zumachte und drückte den Knopf „1“. Dann ging er wieder fünf Schritte zurück, lehnte sich an die Mauer, die die Eingangsstelle von der sie umgebenden Wiese trennte, richtete sich das Funksprechgerät, das er am Gürtel rechts trug gerade, wischte sich über den Schnurrbart, einmal rechts, einmal links und wartete auf seinen nächsten Einsatz in zirka fünf Minuten. Wir schauten ihm viermal zu. Dann wurde die unsere Kleingruppe mit dem Ehepaar Grekowski unruhig. Nicht nur, dass uns der Taxifahrer falsch abgesetzt hatte, schauten wir jetzt einem Prozess zu, der uns erst in einer bis zwei Stunden zu einem uninteressanten Ziel bringen würde – dem Mont Juif und seinem Kastell.  Jeder Kinderwagen wurde von unserem schnauzbärtigen Wächter als zwei Personen gerechnet und es gab noch ein paar Kinderwägen.

Da gingen wir weg. Allerdings war das Zentrum Barcelonas, also die Rambla jetzt etwa zwei Kilometer entfernt. Da fanden wir zwei Pakistani auf einer Elektrorikscha, die uns dorthin bringen würden. Lediglich 15.-€/Kutsche – also für den Transport, der 40.- gekostet hätte, haben wir lediglich 50.- bezahlt und waren nach einer weiteren Stunde an derselben Stelle, jedoch ohne uns anzustellen. Man macht es als ausreißender Tourist immer besser, oder auch nicht. Man macht es nach eigenen Vorstellungen und die sind, siehe diese Erfahrung, einfach die besseren, oder auch nicht.

Keine hundert Meter auf der Rambla und wir gingen in dunkle Gässchen wo wir Huren und Drogenhändler sahen. Etwas einschüchternd. Dann aber ein leerstehendes Lokal mit Chocoloata und Churros, die zwar nicht frisch ins Öl geworfen wurden, sondern auf einem Salamander heiß gemacht werden, aber sie waren fett und zuckrig. Sie schmeckten wunderbar in der bitteren, heißen und fast puddingkonsistenten Schokolade. Wir vier, beides übergewichtige Ehepaare sind glücklich: Schokolade und Fett.

Dann Marguerites Vorschlag: Picasso Museum. Hinaus in den Strom, zwei, drei Gassen weiter, zweimal verirren, trotz Google maps mit der alle Touristen herumgehen, Eintritt zahlen und hui in einem Museum des großen Meisters, der sich so von Stalins Friedensinitiative und der angeblichen Feindschaft zum Faschismus einlullen hat lassen, dass er wie so viele meiner Elterngeneration Kommunist wurde, war und dafür nicht nur während des spanischen Bürgerkriegs agitiert hat. Dass, wie G. Orwell authentisch berichtet, die Stalinisten die anderen kommunistischen Verbände, wie Anarchisten, abgeschlachtet und verraten haben, dass die Stalinisten Katalanien verraten haben, worunter es gerade 2020 noch immer leidet, alles das wurde verschwiegen, verraten und sogar gelobt, wie in J. P. Sartres: Schmutzige Hände, oder in Bert Brechts Stücken. Der von mir so gern gesungene Ernst Busch mit dem Lied der Thälmann Brigade („Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unseren Schützengräben aus …“) wurde zum Apologeten stalinscher Machtpolitik, mein Nennonkel Heinz fuhr mit dem Fahrrad aus Graz nach Barcelona, um sich dem Kampf der internationalen Brigaden anzuschließen und blieb bis 1968 Kommunist. Weder der Hitler-Stalinpakt noch die Schauprozesse gegen die jüdischen Mitglieder des ZK der KPdSU, weder der Aufstand in Ostdeutschland noch der Ungarnaufstand konnten ihn zu einer Richtungsänderung bewegen. Stalins Judenhass wurde verleugnet, verdrängt und nur die Nazis waren Verbrecher. Von heute aus ist das fast unverständlich, aber so bin ich aufgewachsen. 

Nach dem Museum in dem die vielen verzerrten Frauengesichter Picassos zu sehen sind, sagt Alfred: „Mir sagt das nichts. Ich finde der Typ wird überschätzt. Er war halt einer der ersten und hat sich gut vermarktet.“ Schöne Relativierung von ihm. Wir sitzen in einem Tapas Lokal, trinken Hauswein und Kleinigkeiten essen. Heißer, gebackener Ziegenkäse, Eierspeise mit Kartoffeln und auch ein pochiertes Ei auf einem Plastiklöffel werden von den Kellnern herumgereicht. Am Tresen kann man sich kalte Brötchen holen auf denen Leberpastete, Hering mit süßem Balsamicoessig, oder Lachs und vieles andere mehr zu finden sind. Zum Schluss werden nach der Anzahl der Zahnstocher die Rechnung gemacht. In einem Teegeschäft gegenüber gibt’s Assam broken TOP, der mir noch gefehlt hat und zwei kleine, dünnwandige Glasteetassen. Die Verkäuferin hat ein Flinserl in der Nasenscheidewand, sie hat schwarzes, langes Haar, perfekt nach der Zeit in Jean mit einer langen Schürze gekleidet. Sie ist Teekennerin.

Alfred kauft auch Tee und lässt sich beraten. Er wählt Tee mit Creme brulé Geschmack. Die Verkäuferin und ich schauen uns kurz an, wir wissen: er ist kein Teekenner, sondern ein Kaffeetrinker auf Abwegen. Angeblich kann man über Geschmack nicht streiten, aber in einen reinsortigen Tee darf man keine Geschmackszusätze geben, sonst würde auch ein billiger broken Tee reichen. Das ist einfach so.

Zurück zum Schiff geht’s fast zu einfach. Ein Taxi bis zum Eingang, noch ein Telefonat Marguerites mit ihren Eltern, Tee und Teetassen, Äpfel durch die Sicherheitsschleuse, Abfahrt nach Teneriffa – zwei Seetage stehen bevor.


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