28.Jänner 2020 - Galapagos, zweiter Tag

Wie gesagt – es konnte nur besser werden. Früh raus, eine Stunde am Pier des Hotels warten, auf nach Santa Fe. Ob ich weiter in der Mitvergangenheit schreiben soll? Irgendwie reizvoll, aber für einen Österreicher ungewohnt. Wie dem auch sei: das Speedboot und der Guide kam, dessen Namen haben wir beide vergessen. Ein braungebrannter, junger Mann im Alter meiner Söhne, wie ein Fisch im und unterm Wasser. Unterm Wasser habe ich einen Blick ins Paradies werfen können, es ist blau, bunt, belebt und bewegt.

Eine Stunde Speedboot fahren, das allein ist schon ein Vergnügen. Das Meer ist blau, die Mannschaft nett, der Guide freundlich und er kennt hier alles. Dann sollten wir Vögel sehen, die im Schatten der steil abfallenden Kliffe rasten. Das machen wir, weil’s angesagt wird. Geri geht auf Vorderdeck, ich mach’s ihm nach und sitze ab dann angelehnt an die Frontscheibe auf Deck. Es ist heiß, strahlende Äquatorsonne – ich trage einen Hut, bin ausreichend mit Sonnencreme geschützt und schwimme auf dem Meer. Dann geht‘s zum Schnorcheln. Hugo will nicht, er bleibt unter Deck, Petra geht schwimmen, aber nicht schnorcheln, ihr griechischer Mann Theo schwimmt nur ein paar Minuten. Er war Skipper und kennt das Meer. Diego ist der Beste: Er taucht, schwimmt durch Fischschwärme, die sich vor ihm teilen und sich nachher wieder schließen, keine Individuen, sondern Schwärme. Dazwischen die schönsten, bunten Fische – King Angelfish – braun gestreift mit gelben Streifen, er ist eine Schönheit und weiß es. Oder nicht? Andere bewegen sich in allen Größen und Altersstufen mit flimmernden Seitenflossen, hell-silbern glänzend. Gelbe Schmetterlingsfische, viele Erscheinungsformen sind um mich herum, ich fühle mich sogar kurz wie ein Teil von ihnen und, wie kann es anders sein, fällt mir Faust ein und sein Begehren in der 2. Walpurgisnacht einer von den Meeresbewohnern zu sein und im Wasser, als er Neptun und die Seinen beobachtet. Doch er ist ein dumper Mensch und das bleibt er. Die Momente allerdings in denen ich, auch wenn ich eine Brille aufhabe und einen Schnorchel im Mund mich fast wie ein Fisch fühle, sind einmalig, Besuche in einer anderen Welt, auch weil ich an dem Tag Kontaktlinsen eingesetzt hatte und meine Sehbehinderung nicht spürbar war. Ich musste keine Sonnebrille nehmen, weil die Linsen UV-sicher sind. Ein Seelöwe sitzt darüber auf einem Stein am felsigen Strand, die beiden sind in ihrem Speisesaal. Wirklich kommt der Kleine ins Wasser und schwimmt pfeilschnell um den Felsen, der unterm Wasser abgerundet ist. Ein Fisch nach dem anderen verschwindet in seinem Maul, dann klettert er wieder auf den Stein in die Sonne, um sich zu trocknen und zu putzen. Und wir konnten ihn kommen und wegschwimmen sehen!

Als ich nach einer Stunde wieder ins Boot steigen will, halt Diego mich ab: „Do you really want to end snorkeling?“ fragt er mich. Wie nett. Die anschließende halbe Stunde war vielleicht die schönste. Schnorcheln, tauchen in dem hellblauen Wasser, spielen mit dem Seelöwenbaby, nahe des Ufers wo die Gischt schon ans Ufer schlägt, wieder hinaus ins Meer, mit dem Guide des Nachbarboots zwei Haie beobachten, die unter uns durchschwimmen, Fische und wieder Fische – Hans Haas und ich. Die Faszination des Entdeckers des Meeres für das Fernsehen der siebziger Jahre, Erinnerungen die geprägt haben. J. Costeau war vielleicht dasselbe für die Franzosen, mich hat Hans Haas und seine schöne Frau geprägt. Wenn ich auch nicht Flaschentauchen kann und keine Wracks besuche, oder noch mehr Farben der tieferen See sehe, eins weiß ich: das Paradies existiert und es liegt unter Wasser. Mein Vater meinte (so wie der Aquaman), dass die „Astronauten“ aus der Karibik nach dem Einschlag des Meteoriten, der die Welt mehr als hundert Jahre in Dunkelheit getaucht hat, aus Atlantis ins Meer gegangen sind. Vielleicht waren sie immer schon Unterwasserbewohner, oder Amphibien und blieben es. Angeblich holen sie Flugzeuge und Schiffe im Panamadreieck zu sich in die Tiefe, wer weiß? Wer weiß, ob Sandor Ferenci, ungarischer Freudschüler, Recht hatte, der die Sehnsucht nicht nur nach der Rückkehr des Erwachsenen in den Mutterleib postulierte, sondern zurück ins Meer. Die Situation in der Fruchtblase sah er als das Meer der Frühzeit an, was sich mit den Erkenntnissen der Embryologie durchaus vereinen lässt.

Dann die Überraschung: der zweite Mann an Bord wirft zwei Angeln aus. Die Köder mächtig, mittelgroße Fische aus Metall mit je drei Hacken. Neben mir beißt ein Fisch an. Die Leine surrt. Der Fischer springt herzu, wie ein Blitz ist er da. Reißt die Angel aus ihrem stählernen Köcher an Deck und beginnt den Fisch zu holen. Auf und nieder mit der Angel – er treibt den Köder tiefer in das Fleisch des Mundes. Der Kapitän kommt und fragt, ob einer der Gäste den Fisch fangen will. Ich warte einen Moment, aber da sich niemand meldet, melde ich mich. Ich bekomme einen Lendenschutz aus Plastik, dann die Angel, hänge sie ein und hole unter Diegos Anweisungen den Fisch näher und näher ans Boot. Der Fischer ist inzwischen in den Raum zwischen Boot und Motoren gehüpft, er hat einen Stichel und anderes Werkzeug mit. Wie der Fisch am Boot ist, ergreift er die Schnur, hebt den Fisch heraus, der sich mit der Kraft eines Zwölfkilofisches wehrt, ersticht ihn und – gibt ihn mir. Für’s Foto. Dem stolzen Fischer, ich habe das noch nie gemacht, nie ein Hochseefischen erlebt – erstmals verstehe ich wieso das für Bodo Kirchhoff so wichtig ist, dass er es jedes Jahr unternimmt (siehe sein Buch: Liebe in alten Zeiten). Es ist archaisch, Jagdfieber und -glück. Der Fischer nimmt den Fisch in die kleine Kombüse und serviert keine zehn Minuten später Ceviche und Sashimi vom Filet, vom Rückenstück. Frischeren Fisch habe ich nie gegessen. 

Die anderen essen nicht davon. Sie essen keinen Fisch, sondern Hühnerbrust am Meer.

Es konnte nur schlechter werden: Strandspaziergang mit Leguanen. Es war ein einsamer Strand, nichts dort, keine Attraktionen. Ich war genug geschwommen, ich zitterte aus. Diese vier bis fünf Stunden haben den ganzen Ausflug mehr als gelohnt. Ich reümiere: Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder (… und jeder Frühling hat nur einen Mai).

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