Ronny Scheer

Autor - Kinderarzt - Kabarettist - Psychotherapeut

Savonna - ein ruhiger Tag 

Was für ein Morgen: strahlende Sonne, in meinem Herzen selbstanklagende Gedanken. Ich hätte gestern eine Rede halten sollen, ich hätte mit den Tanzlehrerinnen tanzen sollen – und dann alle Selbstvorwürfe von vorne. Also aufstehen und in den Fitnessraum. Oberkörper – radeln mit den Händen, dann zweimal Kraftgeräte und zuletzt radeln als Übung für den Frühling. Alles in allem 45 Minuten, vielleicht zu kurz, aber viele anderen machen nur 20-25 Minuten. Der Vergleich mit den anderen macht Spaß. Angelo der Fitnesskaiser und Zahnarzt aus Lucca auf der Weltreise 2018 ist diesmal nicht mit und so gibt’s wenig Konkurrenz. Der Mensch denkt komparativ, also gewinne ich, jedenfalls in meinen Gedanken.

Nach der Korrektur meines letzten Blogs aus Rom treffe ich Marguerite wie sie von der Ioni (eine komplizierte Massage) kommt. Frisch geschminkt, frisch eingecremt – wir gehen zum und hinein Whirlpool, ich habe ihren Badeanzug aus dem Zimmer im achten Stock mitgebracht. Kalter Wind empfängt uns achtern – hinein in den warmen Sprudel. Sonne auf den Hügeln Savonnas, die Menschen in einem Stau auf der Küstenstraße und wir im Pool. Wie in der Lottowerbung, große Momente einer Schiffsreise

Im Zimmer dann Tee, anziehen und in die Altstadt nach Svonnas. Sonnenschutzcreme, Vaseline in der Apotheke kaufen. Dann ein Kaufrauschanfall Alfreds im Geox Geschäft. Zwei Blousons, ein paar Schuhe, Schuhbänder – ich schließe mich an: kaufe auch ein Blouson und ein paar tolle Schuhe, blau Sämischleder, halbhoch aus dem Winterausverkauf. Eigentlich würde ich Tanzschuhe brauchen, da ich aber nicht tanzen kann, weil ich weder übe noch den Rhythmus höre, hülfen auch Ledersohlen nicht. 

Im Grunde sind wir wegen des Essens im Ristorante Vulcano nach Savonna gegangen. Das Essen ist wirklich wunderbar. Pizza Siciliana, Accughie und Hauswein. Danach Creme caramel mit Mascarpone und bei Marguerite probiere ich ihr Baiser. Zuviel und gut. Die Freunde sprechen über ihre Diäten, ich finde das kein gutes Thema beim Essen. Ich mache keine Diät. Erst wieder nach meinem Tod. Dann nehme ich sicher ab und nicht mehr zu.

Ein wenig noch in der mittelalterlichen Stadt schlendern. Marguerite ruft ihre Älteste in der Sonne am Hafen sitzend an, die anfangs ein wenig belästigt reagiert. Erev Shabbat kommt, da sollte man vorher miteinander reden. Mit Aaron habe ich das Match wer früher am Freitag anruft, hat gewonnen. Ich habe letztens oft gewonnen, so dass ich froh bin, dass er heute gewinnt. Wir haben es uns zur Pflicht gemacht am Freitag miteinander zu reden, so wie die Füße vor Shabbat zu pflegen sind – man soll den Schmutz der profanen Woche nicht in den Feiertag mitnehmen.

Nach einer Siesta feiern wir Shabbat. Im Pianosaal wurde weißes, geflochtenes Brot unter einer Serviette angerichtet, koscherer Wein und Gläser. Ich habe mein Gebetbuch zu Hause lassen, Costa hat das zweite Buch Mose hinzugelegt. Wir machen Kiddush und dann sage ich ein paar Worte über den Satz der Parasha schawua: „Aber der neue Pharao kannte Josef nicht!“ Anwesend sind eine litauenstämmige Jüdin, in den USA aufgewachsen, lebt seit Jahren mit der Familie in Herzlia Pituach und spricht Englisch, Französisch und Hebräisch. Sie unterbricht mich andauern, nachdem sie berichtet, dass sie zu Hause der „Drachen“ genannt wird. Sie das Ur(ur)enkerl des Gaon von Vilnius (ein berühmter ostjüdischer Mystiker) – also hat sie jede Berechtigung. Zuletzt sind wir acht Jüd*innen, die mitmachen ein Paar kam später. Der Mann macht für sich einen zweiten Kiddush.

Marguerite spielt Klavier und wird müde. Sie will um acht Uhr schlafen gehen. Ich gehe tanzen. Halli Galli – Gruppentanz mit den Italienern. Die französische Tänzerin, die Balleteuse gewesen sein muss und über 83 Jahre alt ist,  schaut mich mit dem Blick an: Du bist eine Schande! Ich schaue zurück: Alte, eingebildete Schachtel. Aber sie hat Recht. Ich kann’s nicht. Ennio hilft. Dann bekomme ich einen doppelt strafenden Blick, sie ist auch noch eifersüchtig.

Marguerite kommt mit Tanzschuhen. Wir tanzen Walzer, slow waltz und schauen zu wie die Könner Salsa tanzen. Ich hüpfe, sagt sie und führt mich behutsam. Letzten Endes versteht  sie so wenig wieso man Rhythmus nicht hört, wie es mir unverständlich ist, dass sie nicht riecht. Gute Zeit, kleine Gespräche, Novella sagt zu Marguerite, dass sie glaubt, dass ich Italienisch nicht verstehe – auch gut. Vielleicht stimmt’s.

 

Noch ein bisschen fernsehen, eine Zigarette am Balkon – schlafen.

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