Über das Lesen

Man sagt über mich, dass ich viel gelesen habe. Manchmal bedauere ich das: die Würmer, die mich essen werden, werden das voraussichtlich nicht schmecken. Das in einem winzigen Hirnkern gespeicherte Wissen, wird mit mir zugrunde gehen. Jedoch – so zitiert mein Freund Helmut Kasper oft meinen verstorbenen Onkel Iziu: „Ronny kann alles.“ Da fragt mich meine Frau um 02:30, als sie sich zu mir ins Bett legt: „Wer war der Erfinder des Homunculus im Gehirn?“ Meine Antwort kommt sofort: „Penfield!“ Damit bin ich hellwach, sie fragt noch schlaftrunken: „Wann war das?“ Ich stehe auf.

Was ist Bildung? Die Anhäufung von Wissen, Geschichten, mehr oder weniger richtigen Geschichten, oder die Zusammenschau von Wissen? Manche, wie meine Frau und mein Schwiegervater sehen Geschichte und Geschichten entlang einer Zeitleiste aufgereiht. Wenn man annimmt, dass der Allerhöchste die Welt im kosmischen Sinn in vier Tagen geschaffen hat, dann kann Zeit im sogenannt realen Sinn keine Rolle spielen. Zu meiner Frau sage ich in deren Einschlafen hinein: „Wenn in zwei Röhren irgendwo in den USA und Chile, die flach am Boden ausgelegt sind und durch die ein Laserstrahl leuchtet, ionisierten Wasserstoffatome in nachvollziehbarer und wiederkehrender Weise sich um 10-8 Meter verschieben und das auf die Verschmelzung von zwei schwarzen Löchern in einer Entfernung von 250 Millionen Lichtjahren hinweist, weil es nämlich der Beweis für die Existenz von Gravitationswellen ist und dafür 2017 der Nobelpreis für Physik verliehen wurde, so ist – neben der Schöpfungsgeschichte – dieses Ereignis dazu angetan mein Verhältnis zur Zeit nachhaltig zu erschüttern. Weder weiß irgendwer was schwarze Löcher sind (es sei das Ergebnis von Masseeinschmelzungen, oder aber die Verbindungen zu anderen Galaxien), noch kann ich mir die Entfernung vorstellen, noch, ob 250 Millionen Jahre vor meiner Geburt dieses Ereignis stattgefunden hat.“ Als ich weiterreden will, beruhigen mich die regelmäßigen Atemzüge meiner lieben Partnerin. Gerade wollte ich noch etwas über Ch. Darwins Entdeckung des schwarzen Strichs an den Kalksteinabbrüchen der Anden erzählen, die den langen Winter dokumentieren, den jener Meteor, vor 64 Millionen Jahren auslöste, der den Dinosauriern den Garaus gemacht haben soll – zu spät, sie schläft.

Alle angegebenen Zahlen im vorausgegangenen Text sind „falsch“. Ich habe viele korrigiert, aber ob es jetzt stimmt weiß ich nicht. Sie stammten aus meiner Erinnerung und die ist fehleranfällig, vor allem bei Zahlen und Entfernungen – also bei allem Messbaren. Für mich sind Geschichten real, G‘schichterln – vor mir aus auch Geschichte von unten im Sinne G. Walraffs, die Geschichte der Sklaven, Leibeigenen und Frauen – aber das Geburtsjahr Mozarts ist für mich eben so weit weg, wie die Verschmelzung der schwarzen Löcher. Zeit existiert und existiert doch nicht. Ich kann mir meinen Tod fast vorstellen, aber eine Welt ohne mich nicht. Alles wird weitergehen, wie bisher. Vielleicht werden sich meine Kinder an mich erinnern. Manchmal erscheint ein Buch, das eine Großmutter, seltener einen Großvater zum Thema hat, oft von Kindern, die bei den Großeltern aufwuchsen, oder in den letzten Jahren von Enkel von SS Mitgliedern. So weit ich weiß schreibt meine älteste Enkelin Mia-Fe Geschichten, die sich im Phantastischen abspielen – sie wäre eine mögliche Kandidatin für eine kleine Erinnerung.

Jetzt kommt noch eine Antwort: Bildung könnte die Verstopfung mit Wissen, Erkenntnissen und fast richtigen Erinnerungen an Bücher, Autoren, wissenschaftlichen Erkenntnissen, Hypothesen und Theorien sein, die dem Gebildeten das Gefühl erlauben, dass er sich mit Hilfe dieses Speichers in der Welt orientieren kann. Weisheit wäre demnach die Erkenntnis, dass Bildung gegenstandslos ist. Weder kann jemand alle neuen Bücher eines Jahre aufnehmen, noch kann er mit der wissenschaftlichen Entwicklung auch nur eines Fachgebiets mithalten, noch kann er die erschaffene Wirklichkeit so aufnehmen, dass sich seine Sicht auf die Wirklichkeit (also die Wirklichkeitskonstruktion je und je verschiebt, um Platz für die neue Sichtweisen, die sich aus den  Erkenntnisse ergeben, zu machen.

Ich zum Beispiel glaube, dass Menschen von Einsteins Annahme der Gravitationswellen, so gut sie in sein Weltbild passen, erst erfahren haben, als sie nachgewiesen und dafür der Nobelpreis verliehen wurde. Selbst dann waren es nur Wenige. Ich habe vor zwei Jahren eine kleine Zusammenfassung einiger medizinischer Nobelpreise in der Pädiatrie und Pädologie veröffentlicht. Das häufigste Feedback von Kolleg*innen war: „Ich hatte nichts davon gewusst.“

Vor der Idee der Gravitationswellen haben sicher Viele angenommen, dass wenigstens die Schwerkraft stabil ist. Hat man schon Zeit und Raum als stabile Entitäten verloren, so konnte man doch hoffen, dass die Gravitation unbeeinflussbar ist und an jeder Stelle und jedem Ort gleich ist. Schmecks – sogar die letzte Stabilität, der Apfel der Isaac Newton am Kopf fällt, wurde relativiert – enorme Kräfte können sie verändern, Gravitation ist beeinflussbar.

Da mag das religiöse Weltbild helfen. Leider nicht bei Juden. Denn uns ist weder ein Bild Gottes erlaubt, noch zeigte Er sich. Moses soll mit ihm gesprochen haben, er soll sogar seine ausgestreckte Hand gesehen und ihn beobachtet haben, als er am Berg Sinai die 10 Gebote schrieb. Nur, es gibt keine Zeugen dafür. Der als Messias von Milliarden Menschen bekannte Jesus umgab sich mit Zeugen. Als Moses und Elias ihm in ihrer Lichtgestalt am Berg Tabor begegneten und ihn durch ihr Zeugnis legitimieren, hat Jesus Aposteln bei sich, denen er zwar aufträgt ihre Erlebnisse mit niemandem zu teilen, aber es gab Zeugen und sie waren so gut, dass es sogar in Wien eine Taborkirche in der Taborstraße gibt. Belegtes Wunder, Zeugenschaft wurde abgelegt und am Berg Tabor zwischen Tel-Aviv und Galiläa findet man Stelen, die den Text des Neuen Testaments tragen.

Was also ist Bildung? Dass ich all dies zwischen drei und vier Uhr früh niederschreibe ohne nachzulesen? Meine Informationen sind fehlerhaft. Bei einer  Überprüfung werden sich Fehler finden sowohl die Entfernung zu den verschmelzenden schwarzen Löchern ist anders als auch die Beobachtungen der Wellen. Erst recht meine Erinnerungen an biblische Stellen: bestenfalls wird meine Erinnerung an den Berg Tabor halten, wo ich vor meinem inneren Auge die Abzweigung sehe. Würde meine Geliebte jetzt erwachen, wüsste sie an welcher Stelle und von welcher Straße diese Abzweigung abgeht, aber sie schläft und ihre Beschäftigung vorm Einschlafen war die Repräsentanz der Motorik in einer Windung des Großhirns. Ob das wohl stimmen kann? Werden die Muskeln nicht vor allem im Kleinhirn kontrolliert und ist die Repräsentanz im Großhirn nicht nur ein evolutionärer Luxus?

Nun wissen Sie, geneigter Leser, was Bildung ist: Je mehr Sie davon haben, desto unsicherer werden Sie, wenn Sie kein Nihilist sind, der sich selbst als absolut ansieht oder mittels Drogen Zweifel erstickt. In Google-Zeiten ist Bildung anscheinend unnötig geworden, das Menschheitswissen befindet sich im Netz, unter Wikipedia, oder sonst wo. Der Zweifel allerdings, der ist vielleicht das Menschliche. Ihn zu erreichen hat mich viel Zeit und Aufmerksamkeit gekostet. Er erscheint mir als die Krönung des Humanismus. Da könnte ich zum Augenblick sagen: „Verweile doch …“ und fiele um. Sie wissen sicher, was ich zitiere, wenn nicht – schauen Sie nach.